26/03/2026 0 Kommentare
Wie einen eine Mutter tröstet...
Wie einen eine Mutter tröstet...
# Predigt

Wie einen eine Mutter tröstet...
Wie finde ich Trost im Glauben? Ein Annäherungsversuch von Pfarrer Burkhard Weitz in der Predigt vom 15. März 2026 am Sonntag Laetare
Liebe Gemeinde, heute gibt mir der Predigttext Anlass, mit Ihnen über das Thema Trost zu reden. Was ist Trost? Was tröstet Sie?
Ich nähere mich der Definition von Trost über zwei Kinderszenen an. Die eine ist die einer Mutter mit Kinderwagen und zwei Kindern. Das kleine Kind sitzt zufrieden im Kinderwagen mit einem blauen Lolli. Das andere, etwas größere Kind krakeelt untröstlich vor dem Kinderwagen. Es möchte auch einen blauen Lolli haben – und nicht den grünen Lolli, den es in der Hand hält. Das krakeelende Kind gibt keine Ruhe, bis die Mutter beim Kiosk zehn Schritte weiter einen blauen kauft und ihm gibt. Noch mit leichtem Schluchzen, die Tränen feuchten noch die Wangen an, nimmt es den blauen Lolli und Ruhe kehrt ein.
Was ist Trost? Die erste Antwort scheint einfach. Trost ist die Aussicht darauf, dass ein erlebter Mangel aufgehoben wird. Tröstlich ist, wenn ich die Erleichterung spüre nach dem, was mir die Ruhe geraubt hat. Tröstlich ist, wenn ich höre, dass sich die Nachbarn nach den ewigen Streitigkeiten, die an den Nerven zehren und mir den Schlaf rauben, nun doch einig werden. Tröstlich ist bei allem Schmerz, wenn das eigene Kind, das in der Ferne von einem Zug erfasst und lebensgefährlich verletzt wurde, nicht nur lebt sondern auch eine gute Chance hat, seine Ausbildung fortzusetzen.
Aber es gibt noch eine zweite Antwort und eine zweite Kinderszene aus meiner eigenen Kindheit mag das veranschaulichen. Ich spielte bei den Nachbarn in der Sandkiste. Es war wohl etwas spät, die anderen Kinder waren schon weg. Ich trat in einen Nagel, der unter dem Sand verborgen war. Ich spürte den Schmerz, vergaß ihn aber wieder. Dann sah ich, wie sich der Sand rot verfärbte. Ich bekam einen Schrecken und lief nach Hause.
Meine Mutter beobachtete mich vom Fenster aus. Sie sah, wie ich gedankenverloren vor unserem Haus entlang schlenderte, wie ich mich von Dingen fesseln ließ, die am Wegesrand lagen, wie ich dann weiterging, in den Hauseingang einbog. Sie empfing mich unten an der Haustür und öffnete die Tür.
Als ich sie sah, brach ich in herzzerbrechendes Schluchzen aus und zeigte auf den blutigen Fuß. Meine Mutter nahm mich in den Arm und tröstete mich, und ich schluchzte noch viel mehr.
Trost ist das, was das Wort auch seinem ursprünglichen Sinn nach bedeutet. Trost kommt von Treue, und das ist Verlässlichkeit, da sein, wenn man dich braucht, an der Seite bleiben, stetig bleiben, verlässlich sein, nahe sein.
Trost ergibt sich aus der Nähe zu einem anderen Menschen, der mir sein Ohr und sein Herz schenkt, der Anteil nimmt. Trost ist, wenn das ganze Elend aus dem Hintergrund wieder nach vorne tritt und ich mich ausheulen und alles loswerden darf. Und wenn wir uns dann am Ende erschöpft in den Armen liegen.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag ist eines der starken Trostworte des Propheten Jesaja. Jesaja ist wohl der Prophet des Trostes par excellence. Sein Hauptthema: Der Zionsberg in Jerusalem, wo der Tempel steht: Er wird frei sein. Ja, die fremden Mächte werden ihn irgendwann wieder freigeben, und Israel wird seine Gottesdienste dort feiern, und die Menschen werden versöhnt miteinander und mit der Schöpfung sein und ein jeder wird unter seinem Ölbaum sitzen und die Früchte seiner Arbeit in Frieden genießen dürfen.
Einmal schon ging Jesajas Hoffnung in Erfüllung, noch zu seinen Lebzeiten etwa 700 Jahre vor Christus. Damals drohte eine fremde Macht, Jerusalem mitsamt dem Zionsberg einzunehmen und zu zerstören. Aber dann kam es doch anders. Und Jesaja hatte es vorausgesagt. Wir haben archäologischen Beweis dafür, dass Jerusalem und der Zion damals wirklich von der assyrischen Streitmacht verschont blieben.
Spätere Generationen nahmen den Faden dieses Hoffnungspropheten wieder auf. Und sie bestärkten Israel in einer Zeit, als Jerusalem und der Zion dann doch fremden Mächten unterworfen waren. Sie bestärkten das Volk darin, dass Jesajas Trostworte eines Tages doch wieder erfüllt würden.
Der Trost, den Jesaja spendet, enthält beides: Die Hoffnung auf Besserung und die Zusage der Treue, Verlässlichkeit und Nähe Gottes. Ich lese aus dem letzten Kapitel des Jesajabuches, Jesaja 66,10-14:
Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie liebhabt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.
Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.
Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.
Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.
Ja, ich gebe zu: In dem Bild von der Mutter, die einen in den Arm nimmt, liegt etwas Regressives, an dem ich mich persönlich immer gestört habe. Das Bild appelliert an die Sehnsucht, wieder zurück in den Mutterschoß zu kriechen.
Dabei wollte ich unter Glauben immer etwas Progressives verstehen, etwas in das Leben Hinausstrebendes, einen von Gottvertrauen und großer Hoffnung getriebenen Geist der Liebe.
Bei dieser Art von Glauben läge Trost in der Erfüllung der Verheißung. Dann läge Trost für die Menschen in der Ukraine darin, wenn endlich Frieden einkehren würde in diesem von fremder Aggression und fremdem Hass erschütterten Land. Wenn endlich die Grenzen gesichert, das Töten beendet und mit dem Wiederaufbau begonnen wäre. Das wäre ein nach vorne blickender Trost
Aber zum Trost gehört mehr: Zum Trost gehört, dass die Toten beweint werden. Dass man sich der Verletzten annimmt. Dass man die Seelen geduldig heilt, denen der Schrecken und das Entsetzen des Krieges eingraviert ist. Wir sagen: Posttraumatisches Belastungssyndrom. Aber dahinter verbirgt sich doch eine im Grund zerstörte Existenz, ein Leben, das völlig aus der Bahn geworfen wurde und das nun – wo doch für alle anderen das Ziel erreicht ist – in seiner ganzen Kaputtheit gesehen und anerkannt werden möchte.
Und vielleicht ist es so. Vielleicht ist genau dieses zweite rückwärtsgewandte Empfinden des Trostes, das regressive Bedürfnis nach mütterlicher Nähe, der Wunsch nach unverbrüchlicher Treue und Zuwendung, das geduldige Zuhören, die unendliche Aussprache – vielleicht ist all das der viel wichtigere Teil des Trostes. Dass jemand da ist, der die endlosen Zirkel der immer gleichen Gefühle von Leere und Angst aushält, der selbst dann nicht die Geduld verliert, wenn man sich damit über Jahre im Kreis dreht und nicht weiterkommt. Der selbst dann einem die Treue hält, wenn keine Aussicht auf Besserung besteht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.
Ja, und es gibt so etwas, wie Trost im Glauben. „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben“, so beginnt der Heidelberger Katechismus, ein reformiertes Lehrbuch aus der Zeit der Reformation. Niedriger soll die Latte nicht hängen, wenn es um Fragen des Glaubens geht: im Leben und im Sterben!
Was tröstet dich, wenn es ans Sterben geht und dir eines Tages die Kraft wegbleibt, dich gegen den Tod aufzubäumen und du ihn annehmen musst, wie einen Freund.
Die Aussicht auf etwas Großes, vielleicht. Der Reformator Martin Luther fand einmal ein sehr tröstliches Bild für Sterbende. Er wollte, dass sie sich nach vorne ausrichten, dass sie nicht fürchten, mit dem Tod ins Nichts zu fallen, und er verglich das Sterben mit der Geburt. Über die Pforte des Todes schrieb er in seinem Sermon von der Bereitung zum Sterben:
Auf die enge Pforte des Todes, auf den schmalen Pfad zur Ewigkeit muss sich ein jeder fröhlich wagen. Denn er ist wohl sehr eng, aber er ist nicht lang; es geht hier zu, wie wenn ein Kind aus der kleinen Wohnung in seiner Mutter Leib mit Gefahr und Ängsten hineingeboren wird in diesen weiten Raum von Himmel und Erde, das heißt auf diese Welt: ebenso geht der Mensch durch die enge Pforte des Todes aus diesem Leben, und obwohl der Himmel und die Welt, worin wir jetzt leben, für groß und weit angesehen wird, so ist es doch alles gegenüber dem zukünftigen Himmel viel engere und kleiner als es der Mutter Leib gegenüber diesem Himmel ist.
Diese Art von Glaubenstrost ist die nach vorne gerichtete Art von Trost, die ich eingangs genannt habe: Versteife dich nicht auf deine Angst vor dem Nichts. Sondern setze die Aussicht auf Reichtum an die Stelle. Wisse, dass der Himmel, der sich dir hinter der schmalen Pforte zur Ewigkeit öffnet, so viel weiter ist, als der blaue Himmel, der sich dir nach deiner Geburt aufgetan hat. Die Aussicht auf Erfüllung ersetzt die Aussicht auf Mangel.
Aber wie sähe die zweite Art von Trost im Glauben aus? Wie wäre es, wenn ich Gottes Treue und Nähe spüre wie den mütterlichen Trost, nur dass diese Treue und Nähe stets bei mir wären und mir nichts mehr meine Ruhe rauben kann.
Der Gründer des Jesuitenordens Ignatius von Loyola hat dies in seinen Exercitien, in seinen Glaubensübungen, zu beschreiben versucht. Er schreibt:
Ich nenne es ‚Trost‘, wenn in der Seele eine innere Regung verursacht wird, bei der die Seele anfängt, in Liebe zu ihrem Schöpfer und Herrn zu entbrennen und folglich kein geschaffenes Ding auf dem Angesicht der Erde mehr in sich zu lieben vermag, sondern nur im Schöpfer von all dem. (...)
Ich nenne ‚Trostlosigkeit‘ alles, was dieser Regel entgegengesetzt ist,
wie Verfinsterung der Seele,
Verwirrung in ihr,
Hinneigung zu den niederen und irdischen Dingen,
Unruhe durch verschiedene Gemütsbewegungen und Versuchungen, die zu Unglauben bewegen,
ohne Hoffnung,
ohne Liebe, wobei sich die Seele ganz träge, lau, traurig und wie von ihrem Schöpfer und Herrn getrennt erfährt.
Denn wie der Trost der Trostlosigkeit entgegengesetzt ist, so sind auch die Gedanken, die vom Trost ausgehen, den Gedanken entgegengesetzt, die aus der Trostlosigkeit entstehen.
Soweit Ignatius von Loyola. Glauben als tröstlich zu erleben, als eine Liebesverbindung zum Schöpfer und Herrn zu erleben, heißt, dass man sich einüben muss in die Nähe zu Gott.
Und es mag einem dabei helfen, was ich in meiner letzten Predigt an dieser Stelle gesagt hat: dass man sich in der Nähe Jesu Christi sieht, sein eigenes Leben als ein Leben mit dem zu sehen, in dem Gott selbst sich zeigt, sich vorzustellen, man wäre mit Jesus unterwegs und sich zu fragen: Wer bin ich in dieser oder jener Begegnung mit Jesus? Der Jünger? Der Zuschauer? Der Bettler am Wegesrand?
Für die einen mag der Glaube seit Kindesbeinen ein fester Begleiter sein.
Für andere mag „Glauben“ wie ein großes Wort erscheinen.
Und es scheint mir doch so, als sollten wir alle demütig sein vor dieser großen Herausforderung zu glauben.
Dass wir einerseits nicht aufgeben und sagen: Ist mir zu groß.
Dass wir aber andererseits nicht denken, wir müssten uns als Helden des Glaubens beweisen.
Sondern dass wir zu vertrauen lernen,
dass wir Passivität und Abwarten erlernen,
dass wir ein Gottvertrauen zulassen, wie es Dietrich Bonhoeffer beschrieben hat:
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Amen.
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