Wende dich um, schau hin...

Wende dich um, schau hin...

Wende dich um, schau hin...

# Predigt

Wende dich um, schau hin...

Auch auf das, was dir Angst macht. Hinter allem, was du für furchteinflößend hältst, steht der, der sagt: Fürchte dich nicht. Predigt am 1. Februar 2026 von Pfr. Burkhard Weitz


Liebe Gemeinde, träumen Sie? Und wenn ja, erinnern Sie sich an Ihren Traum von heute Nacht? 

Nicht wenige Menschen glauben ja, in den Träumen komme etwas symbolisch zum Ausdruck, was uns beschäftigt, was wir irgendwie zu verarbeiten versuchen. 

Das Kind träumt, wie es fällt und fällt und fällt, und es ist kein Abgrund da. Könnte ja sein, dass darin die Angst zum Ausdruck kommt, dass da gar kein Halt mehr ist für das eigene Leben. Einmal las ich, viele Menschen hätten diesen Traum, und darin komme die urzeitliche Angst unserer frühen Vorfahren zum Ausdruck: die Angst derer, die noch auf den Bäumen schliefen – und wenn man nicht stabil lag oder im Schlaf eine falsche Bewegung machte und fiel, dann fiel man unten den Hyänen zum Opfer… 

Das größer werdende Kind träumt von unheimlichen Gängen, hinter denen sich Horrorgestalten verstecken. Darin mag die Angst vor Unbekanntem zum Ausdruck kommen. Das Kind erweitert seinen Bewegungsradius und entfernt sich zunehmend vom schützenden Zuhause. 

Das sind Angstträume, aber es gibt auch beruhigende Träume. Die Hinterbliebene sieht den Verstorbenen plötzlich wieder, ganz selbstverständlich am Frühstückstisch sitzen. Der verstorbene Verwandte entschuldigt sein längeres Fernbleiben. Oder er sagt: „Es ist alles gut, mach dir keine Sorgen, alles ist gut.“ Manche Träume sprechen für sich. Und gerade wenn sie tröstlich sind, dürfen wir das annehmen. 

Träume entleihen ihre Bilder aus unserer Alterswelt. Wenn wir die Träume von Menschen lesen, die vor langer Zeit gelebt haben, kommen darin natürlich Dinge vor, die wir selbst gar nicht mehr kennen. Dann brauchen wir eine Übersetzungshilfe. 

Unser Predigttext heute enthält so einen Traum. Genau genommen ist er Teil einer Vision und voller Symbolik. Manches von dem, was er schildert, ist selbsterklärend: 

  • Wenn Augen wie eine Feuerflamme sind, dann glänzen, ja brennen sie. 
  • Wenn eine Stimme wie großes Wasserrauschen ist, dann darf man an einen gewaltigen, ohrenbetäubend lauten Wasserfall denken. 
  • Und wenn ein Angesicht leuchtet, so wie die Sonne scheint, dann blendet es, und man darf nicht hinsehen. Denn diese Helligkeit ist mehr, als was unsere Augen vertragen. 

Andere Symbolik stammt aus der Bibel, und entweder ist man so vertraut mit der Symbolik der Bibel, wie es die Menschen der alten Welt waren. Oder man muss sie erklärt bekommen. Aber eigentlich kann man sich das meiste davon auch einigermaßen erschließen

Die Symbolik, mit der wir es in dieser Vision zu tun haben, beschreibt samt und sonders den gerechten, von Gott gesandten Herrscher, der die bösen Tyrannen stürzt und den Gerechten in ihrer Not hilft. Denn darum geht es in dieser Vision: Der Seher Johannes sieht den göttlichen Richter kommen. Er mächtig und allen irdischen Gewaltherrschern bei weitem überlegen. Neben ihm sehen sogar die schlimmsten Tyrannen lächerlich klein aus: wie Witzfiguren. 

Johannes Vision greift auf biblische Bilder zurück. Eines von diesen Bildern stammt aus dem Buch Daniel (7,9). Es beschreibt Gott, der über die Herrscher dieser Welt zu Gericht sitzt, als einen Mann mit weißem Haar. 

An anderer Stelle beschreibt das Buch Daniel (2,32) eine Statue mit goldenem Haupt, silberner Brust und bronzenen Lenden, die auf tönernen Füßen steht. Das Gegenbild dazu wäre eine Figur, die auf goldenen und ehernen Füßen steht, stabil und unerschütterlich. 

Und das Buch Jesaja (11,4) beschreibt den göttlichen Herrscher, auf dem der Geist des Herrn ruht, als einen, der den Gewalttätigen mit dem Stabe oder Schwert seines Mundes schlagen, also allein mit Worten überwältigen wird. 

Sieben Sterne kommen vor. Sie waren den damaligen Menschen bekannt aus Abbildungen von römischen Caesaren, die das Siebengestirn des Kleinen Bären in der rechten Hand halten. Die Caesaren wollten dieses Symbol als Zeichen ihrer Weltherrschaft verstanden wissen. 

In der Vision des Johannes liegt die Weltherrschaft aber nicht bei den Caesaren, sondern bei dem, der Johannes in der Vision erscheint.
Ich lese aus Offenbarung 1,9-18: 

Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: „Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.“ 

Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. 

Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasser-rauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. 

Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot;

und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“


Die Bedeutung dieser Vision liegt auf der Hand: Johannes begegnet im Traum dem, der den Tod und alle Mächte, die ihm dienen, in ihre Schranken gewiesen hat. Er hat den Gewaltherrschern, die über Leben und Tod entscheiden wollen, die Schlüssel abgenommen. 

Und Johannes gibt sich als der Bruder derer aus, an die er schreibt. Er ist Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus. Ihm geht es so wie mir und dir. Er ist nicht herausgehoben, abgehoben, entrückt. Er ist einer von uns, in allem was er erleidet an Sorge, Angst und Bedrückung

Johannes erfährt von dem, dem er im Traum begegnet: "Hab keine Angst. Da ist einer an deiner Seite, der dich stark und furchtlos macht."

Bei dieser Art der Ermutigung denke an das gleichnamige Gedicht von Wolf Biermann. Biermann hatte sein Gedicht „Ermutigung“ einem älteren Freund gewidmet, der sich damals von den Einschüchterungen der Staatssicherheit entmutigen ließ. Das Lied strahlt viel von der großen Zuversicht aus, die auch von der Vision des Johannes auf Patmos ausgeht. Es geht so: 

Du, laß dich nicht verhärten / in dieser harten Zeit
die allzu hart sind, brechen / die all zu spitz sind, stechen /
und brechen ab sogleich.

Du, laß dich nicht verbittern / in dieser bittern Zeit
die Herrschenden erzittern / sitzt du erst hinter Gittern /
doch nicht vor deinem Leid.

Du, laß dich nicht erschrecken / in dieser Schreckenszeit
das woll'n sie doch bezwecken / daß wir die Waffen strecken /
schon vor dem großen Streit

Du, laß dich nicht verbrauchen / gebrauche deine Zeit
Du kannst nicht untertauchen / Du brauchst uns, und wir brauchen /
grad deine Heiterkeit.

Wir woll'n es nicht verschweigen / in dieser Schweigezeit
das Grün bricht aus den Zweigen / wir woll'n das allen zeigen /
dann wissen sie Bescheid.

Das ist das eine an dem Predigttext, das wir mitnehmen können: Dass die Ermutigung, die wir einander zusprechen mit den biblischen Bildern und Gedanken und Wahrnehmungen, dass diese Ermutigung uns innerlich stärkt, allen Todesmächten zu widerstehen. Ja, dass sie uns befähigt, sogar dem Tod angstfrei ins Angesicht zu sehen. Denn da ist einer an unserer Seite, der die Schlüssel des Todes und der Hölle in der Hand hält, und der uns jederzeit hinausführen kann – zurück ins Leben. 

Das ist das eine. Das andere aber ist die Handlung. Es ist eine sehr dürrer Handlungsstrang, und der Visionär Johannes verhält sich darin meist passiv.
Johannes wird zunächst am Tag des Herrn, also an einem Sonntagmorgen – wie heute – vom Geist ergriffen.
Johannes ist passiv. Der Geist übernimmt die Kontrolle.
Dann wendet sich Johannes um, um zu sehen, woher die Stimme kommt.
Er sieht eine mächtige Erscheinung und fällt um – wie tot. Aber diese mächtige Erscheinung legt ihre Hand auf Johannes und richtet ihn wieder auf. 

Johannes tut eigentlich wenig, aber er wenige, das er tut, ist entscheidend: Er wendet sich um. Ich glaube, dass es dies ist, was wir heute mitnehmen: Wende dich um. Schau hin, woher deine Ermutigung kommt. Schau hin, auch wenn dich das, was du dann zu sehen bekommst, viel zu groß erscheint. 

Schau hin, geh dem nach. Lass dich nicht einschüchtern, weil du denkst: „Das ist zu groß für mich. Das kann ich nicht. Ich bin kein Held, ich bin keine Heldin.“ 

Wende dich um und schau hin. Denn du wirst sehen, dass hinter allem, was du vielleicht für furchteinflößend hältst, der steht, der sagt:

Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. Amen

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