13/01/2026 0 Kommentare
Trauernde trösten – wie geht das?
Trauernde trösten – wie geht das?
# Predigt

Trauernde trösten – wie geht das?
Jesaja schmiedet Verse Über seine Hoffnung. Jesus liest diese Verse vor, und sie scheinen sich in ihm zu erfüllen. Predigt am 2. Sonntag nach dem Christfest, 4.11.2026, von Pfr. Burkhard Weitz
Liebe Gemeinde,
wir haben es gerade in der Lesung gehört: Der zwölfjährige Jesus bleibt einfach im Tempel, während seine Eltern die Heimreise antreten. Es ist nicht Achtlosigkeit, dass sie ihn zurücklassen. Sie vertrauen ihrem Sohn, dass er bei Verwandten mitreist. Sie bemerken erst spät seine Abwesenheit und sie eilen besorgt zurück und suchen. Sehr lange müssen sie suchen, bis sie endlich Jesus im Tempel finden, wo er sich mit den Gelehrten unterhält. Der zwölfjährige Jesus ist selbst gelehrt in den Schriften, gelehrt in der Hoffnung auf Großes.
Anderthalb Jahrzehnte später durchzieht Jesus Galiläa. Er kommt heim nach Nazareth und stellt sich in der Synagoge ans Pult. Er öffnet eine Buchrolle mit Schriften des Propheten Jesaja. Er liest Verse, irgendwo aus dem Jesaja-Buch:
Jesaja 61,1-2a
Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt.
Er hat mich gesandt, den Armen gute Nachricht zu bringen und gebrochene Herzen zu heilen.
Den Gefangenen soll ich zurufen, dass sie frei sind und ihre Fesseln gelöst werden.
Er hat mich gesandt, ein Jahr auszurufen, in dem der Herr Freiheit schenkt.
Die Leute hören es und stocken. Jesus liest ja nicht zufällig diese Verse. Es sind Hoffnungsverse. Sie scheinen so gar nicht zu passen in diese hoffnungslose Zeit, in der Unglücke passieren, Türme einstürzen, in der junge Menschen im Feuer verbrennen, in der die großen Machthaber ihre gefährlichen Machtspiele spielen.
Die Hoffnungsverse scheinen nicht zu passen in diese hoffnungslose Zeit, in der große Traurigkeit und Lähmung die Menschen erfüllt. Jesus liest. Und die Leute hören auf:
Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir, liest Jesus.
Und: der Herr hat mich gesalbt.
Als würden die Verse von ihm handeln.
Er hat mich gesandt, den Armen gute Nachricht zu bringen und gebrochene Herzen zu heilen.
Den Gefangenen soll ich zurufen, dass sie frei sind und ihre Fesseln gelöst werden.
Er hat mich gesandt, ein Jahr auszurufen, in dem der Herr Freiheit schenkt.
Jesus liest aus der Prophetenrolle. Und während er liest, scheint sich zu erfüllen, wovon der Prophet spricht. Mit Jesus erfüllt sich diese Hoffnung auf Großes. Und das Jesaja-Buch erzählt weiter von dieser Hoffnung:
Jesaja 61,2b-3
Ich soll einen Tag ansagen, an dem Gott das Unrecht wiedergutmacht.
Ich soll alle Trauernden trösten und den Klagenden in Zion Freude bringen.
Dann tragen sie einen Kopfschmuck, statt sich Asche aufs Haupt zu streuen.
Sie salben sich mit duftenden Ölen, statt Trauergewänder anzulegen.
Wo Verzweiflung herrschte, erklingen Loblieder.
Dann nennt man sie »Eichen der Gerechtigkeit«,
»Garten des Herrn, der seine Herrlichkeit zeigt«.
Trauernde trösten – wie geht das, Gott? Die Eltern, Geschwister, Freundinnen und Freunde all dieser jungen Menschen zu trösten, die beim Feuer im Ski-Ort Crans-Montana ums Leben kamen? Wer kann die Schwerverletzten aufrichten, die jetzt noch mit schweren Verletzungen um ihr Leben ringen? Wer kann die Sorgen der Angehörigen erleichtern, das Leid auffangen?
Es geht wohl nur, wenn Wunden heilen.
Wer heilt die Wunden, wenn die Möglichkeiten der Ärzte erschöpft sind?
Wer heilt die seelischen Wunden und Narben?
Das Wort ward Fleisch und es lebte mitten unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.
Wie schön wäre es doch, wenn ich nur einen Rockzipfelchen dieser Herrlichkeit ergreifen könnten,
wenn die Angehörigen und Freundinnen und Freunde der verbrannten Jugendlichen nur einen Rockzipfel dieser Herrlichkeit ergreifen könnten.
Wie schön wäre es doch, wenn wir neue Hoffnung schöpfen könnten, wenn wir trösten könnten, Wunden heilen könnten – und wenn sich von allen, die von dieser Hoffnung zehren, ein Funke auf unsere Gesellschaft, auf unsere Welt überspringen könnte: ein Funke der Anteilnahme, der Mitmenschlichkeit, eines nachsichtigen und vergebungsbereiten Miteinanders.
Dann würde nicht nur ein Reis aus dem abgehauenen Stamme Davids sprießen, dann würde nicht nur ein kleines zartes Pflänzchen wachsen, wo vorher Kahlschlag war.
Dann könnten Wälder neu entstehen, »Eichen der Gerechtigkeit«, »Garten des Herrn, der seine Herrlichkeit zeigt«.
Überschwänglich fährt die Verheißung in der Jesaja-Rolle, die aufgeschlagen vor Jesus liegt, mit ihrer Hoffnung fort. Nun spricht der Prophet nicht mehr in der Rolle des Trösters. Nun spricht er in der Rolle des Getrösteten. Er erzählt, wie es sich anfühlt, wenn die Hoffnung auf bessere Zeiten wächst und sich ausbreitet.
Jesaja 61,10-11
Ich will mich freuen über den Herrn.
Aus vollem Herzen will ich jubeln über meinen Gott.
Denn er umgibt mich mit seiner Hilfe wie mit einem Kleid.
Er hüllt mich in seine Gerechtigkeit wie in einen Mantel.
Ich freue mich wie ein Bräutigam, der seinen Kopfschmuck anlegt.
Ich bin fröhlich wie eine Braut, die sich für die Hochzeit schmückt.
Denn wie die Erde Pflanzen hervorbringt, so lässt Gott, der Herr, Gerechtigkeit wachsen.
Wie ein Garten den Samen aufgehen lässt, so macht Gott unseren Ruhm groß bei allen Völkern.
Im Sehnen danach, dass sich diese Hoffnung unter uns wieder ausbreitet, bitten wir um Gottes Frieden. Amen.
Kommentare