Was andere hässlich finden

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Was andere hässlich finden

# Predigt

Was andere hässlich finden

... das kann Gott lieben. Nachdenken über das Kind in der Krippe am Heiligabend, 24.12.2025, in der Christmette, 23 Uhr. Predigt von Pfarrer Burkhard Weitz

 

Schön bist du, meine Freundin, schön sind deine taubenblauen Augen, dein wallendes Haar, deine weißglänzenden Zähne. Schön sind deine purpurroten Lippen, dein reizender Mund, deine Wange, dein schlanker Hals. Schön sind deine festen Brüste, schön wie zwei Kitzlein, wenn der Tag verweht und die Schatten fliehen. Alles an dir ist schön, meine Freundin, kein Makel haftet an dir.  

So besingt der Bräutigam im biblischen Hohelied Salomos seine Braut. Er schwärmt selbstvergessen, getrieben von Sehnsucht und einem wunderlichen Drang, der ihn an nichts und niemanden sonst denken lässt.  

Wie dieses erotische Liebe, so ist die Liebe des himmlischen Bräutigams zu unseren Seelen – so haben jüdische und christliche Gelehrte seit alters das Hohelied Salomos gedeutet. Weil sie glaubten, diese erotische Dichtung im Hohelied Salomos handle hintergründig von der Liebe zwischen Gott und Mensch, hat man sie in die Bibel aufgenommen: Meine Seele, deine Seele, jede Seele soll sich als Braut bereiten, schmücken und schön dastehen vor ihrem Bräutigam. Nicht nur wegen der erotische Liebe und Schönheit, sondern noch viel mehr wegen der geistigen Liebe und der moralischen Schönheit: sie sind es, die Christus, den himmlischen Bräutigam magisch anziehen 

Was macht mich schön in den Augen des anderen? Was macht dich schön in meinen Augen? 

Für Liebende ist es klar: Du bist schön, so wie du bist. Ich bin bereit über deine Makel hinwegzusehen. Ich sehe nicht die Fehler, die andere an dir sehen. Ich mag den Leberfleck auf deiner Wange. Ich mag deine schmalen Schultern. Ich mag deine breiten Hüften, die kräftigen Schenkel, deine hutzeligen Füße. Alles an dir ist schön, meine Freundin, mein Freund. 

Schön bist du in meinen Augen, weil du so bist, wie du bist. Weil ich deinen Anblick begehre. Dein Schweißgeruch ist mir vertraut. Ich liebe es, wenn sich deine große gebogene Nase in meine Augenhöhlen drückt. Ich liebe es, wenn mir aus der Menschenmenge heraus deine Kopfhaut durch dein schütteres Haar von hinten entgegenglänzt. 

Das Gesicht, das mir vertraut ist, bewahrt seine Schönheit, auch wenn sich Falten über alles ziehen, wenn die Zähne fehlen, die Augenbrauen verwachsen, die Iris in den Augen von grauem Star überzogen wird.  

Ja, es ist leicht, den geliebten Menschen schön zu finden. Allerdings, wenn mir jemand zutiefst unsympathisch ist, dann baut auch äußere Schönheit keine Brücke mehr. Ich empfinde das Gesicht des unsympathischen Gegenübers als glatt oder schmierig oder irgendwie falsch. Antipathie nimmt der Symmetrie und dem Ebenmaß die Schönheit. 

Schwer ist es auch, in dem Unbekannten, den eine Sucht, Krankheit oder Armut entstellt hat, Schönheit zu finden. In dem, dessen Gesicht verbraucht und von Drogen ergraut ist. Bei dem, dessen Mundwinkel schief herabhängt, weil ihn gestern ein Schlaganfall schwer getroffen hat. Bei dem, dessen Zähne verfaulen, dessen Nase gebrochen ist und dessen Wangenknochen spitz herausstechen. 

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Mit der Schönheit der Menschen ist es wie mit der Schönheit einer Stadt. Fremdes erschließt sich mir nicht. Fremdem, das nicht herausgeputzt und vordergründig schön ist, kann ich keine Schönheit abgewinnen. Und eine noch so reizende Stadt, die mir die kalte Schulter zeigt, in der ich keinen Anschluss finde, keine Vertrautheit, verliert ihre Schönheit. 

Umgekehrt kann ich in dem, was mir vertraut ist, Schönheit auch dann entdecken, wenn sie sich Außenstehenden gar nicht erschließt. Ja, nicht alle finden Offenbach schön. Aber wer hier aufwächst, wer den Wechsel im Stadtbild erlebt, wie im Nordend der Goethemarkt erhalten bleibt, wie der Mainhafen entstand, wie die Marktplatzkreuzung von den Überbrückungen befreit wurde, der Gehweg am Marktplatz erhöht wurde, der Wilhelmsplatz herausgeputzt wurde, wie die Kinder- und Jugendfarm umzog, als das Polizeipräsidium gebaut wurde, wer all diese Details miterlebt, kennt die Historie des Ortes, erlebt das Aufblühen und den Niedergang, fiebert mit, bangt mit, hofft mit das Beste für seine Stadt.  

Der Predigttext für den heutigen Heiligabend verheißt der heruntergekommenen Stadt Jerusalem, dass Gott in ihr wohnen will. In der Bibel wird Jerusalem oft auch Zion oder Tochter Zion genannt; und das sie umgebende Land heißt Juda. 

Man muss sich diese Stadt zur Zeit des Predigttextes als hässliche Häuseransammlung vorstellen mit vielen dunklen Ecken, vielen Häusergerippen, Ruinen von vergangenen Kriegen, die nie wieder aufgebaut wurden. Man muss sich diese Stadt als lärmend und stinkend vorstellen, voller streunender Hunde und Katzen, mit einer Gerbergasse, unter der ein Hang mit stinkendem Kot und Urin abfällt. Aber da ist einer, der diese Stadt liebt, der sich ihr zuwendet und sie sich als sein eigen erwählt. Einer, der wie ein Liebhaber daherkommt. Davon erzählt der Prophet Sacharja, Kapitel 2, Verse 14 bis 17. Über die Stadt Jerusalem, die er Tochter Zion nennt, übermittelt der Prophet Sacharja folgendes Gotteswort: 

Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR.
Und es sollen zu der Zeit viele Völker sich zum HERRN wenden und sollen mein Volk sein, und ich will bei dir wohnen. – Und du sollst erkennen, dass mich der HERR Zebaoth zu dir gesandt hat. –
Und der HERR wird Juda in Besitz nehmen als sein Erbteil in dem heiligen Lande und wird Jerusalem wieder erwählen. 
Alles Fleisch sei stille vor dem HERRN; denn er hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte! 

Gott verliebt sich in einen Ruinenhaufen. Gott entdeckt Schönheit in dem, was andere hässlich finden. Er erwählt sich als seinen Schatz, wovon sich andere voll Abscheu abwenden.  

Ich nehme das als ein Symbol für die Liebe Gottes zu mir, zu dir. Gott mag sich ebenso mir und dir zuwenden, auch wenn ich mir selbst fremd geworden bin, auch wenn ich mich selbst nicht mehr leiden kann und mich mein eigener Anblick im Spiegel graust. 

Denn siehe, Gott kommt und will bei dir wohnen. 

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Heute, am Weihnachtsabend, betrachten wir die Krippenszene.
Gott lädt uns ein, auf das kleine schutzlose Kind zu schauen.
Auf das Baby, das unweigerlich den Beschützerinstinkt in uns auslöst. 

Wenn wir ein Baby sehen, finden wir es erstmal hübsch und niedlich. Noch ist das winzige Häuflein Mensch unschuldig, seine Zukunft ist völlig offen. In ihm ist alle Schönheit präsent. Niemand kann sich ihr entziehen. 

Jeder Mensch, der mir auf der Straße begegnet, egal wer, auch der Betrüger, der Gewalttätige, der Gebrochene, der Entstellte, jeder hat einmal so angefangen. „Schön bist du, kleines Menschenkind. Schön sind deine taubenblauen Augen. Schön sind die weichen Haare auf deinem kleinen Haupt. Schön ist der zahnlose Gaumen. Schön sind deine winzigen Lippen und deine winzigen Gliedmaßen, schön ist dein reizender Mund, deine runde Wange, dein schlanker Hals. Schön ist es, wie sich bei jedem Atemzug deine Brust wölbt. Alles an dir ist schön, meine kleines Menschenkind, kein Makel haftet an dir. 

So sieht Gott dich, mich, den entstellten Menschen auf der Straße, im Krankenhaus, auf dem Sterbebett. Gott sieht dich in deiner ursprünglichen Schönheit. Er ist verliebt in dich, weil du ihm von Anfang an vertraut bist als sein Geschöpf. 

Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, Gott kommt. – Und er will bei dir wohnen! Amen.

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