Warum der vierte König nicht ankam

Warum der vierte König nicht ankam

Warum der vierte König nicht ankam

# Predigt

Warum der vierte König nicht ankam

Es gab einen vierten König neben Caspar, Melchior und Balthasar. Von ihm erzählt Vikar Michael Rydryck in seiner Predigt am 1. Tag des Christfestes, 25.12. 2025


Der Predigttext steht im Evangelium nach Matthäus, im 2. Kapitel:

Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir habenseinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten. Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. Und sie sagten ihm: Zu Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten: »Und du, Bethlehem im Lande Juda, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.« Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und schickte sie nach Bethlehem und sprach:

Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete. Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war.

Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und da ihnen im Traum befohlen wurde, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

Als sie aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach:Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen. Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«

Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Knaben in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte. Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht:

»In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.«

Der Evangelist Matthäus erzählt uns eine eigene Weihnachtsgeschichte. Nur ihm verdanken wir den Stern über Bethlehem und die drei Weisen aus dem Morgenland, die Sterndeuter aus dem Osten der damals bekannten Welt.

Die Legende macht aus ihnen Könige und gibt ihnen Namen – die drei namenlosen Magier aus dem Evangelium nach Matthäus bekommen ein Gesicht und eine eigene Geschichte: Da ist Caspar, der „Schatzträger“, ein junger Mann mit dunkler Hautfarbe. Und da ist Melchior, der „Lichtkönig“, ein Mann in seinen mittleren Jahren. Und schließlich Balthasar, dessen Name „Gott schütze sein Leben“ bedeutet, ein Greis in hohem Alter. 

Diese drei machen sich auf den Weg, folgen ihrem Stern und suchen den König der Könige, den, dessen Geburt alles verändern soll, einen Retter für eine Welt, die Rettung dringend nötig hat.

Doch sie finden keinen Palast und keine Pracht, kein ZDF royal und keine Heerscharen. Sie finden nur das Kind und seine Eltern. Und sie verstehen, dass dieser Retter ganz anders sein wird als die vielen selbsternannten Herrscher und Heilsbringer. Dieser wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte;

Caspar, Melchior und Balthasar verstehen, dass sie endlich am Ziel sind. Sie sind haben gesucht und gefunden. Nun fallen sie nieder und beten das Kind an und tun ihre Schätze auf und schenken Gold, Weihrauch und Myrrhe. Gold für den König der Könige, Weihrauch für den Sohn Gottes, und Myrrhe für sein Begräbnis. Krippe und Kreuz gehören von Anfang an zusammen. Denn das ahnen die drei Könige wie der alte Simeon in der Weihnachtsgeschichte des Lukas:

Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass viele in Israel fallen und viele aufstehen, und ist bestimmt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird – und auch durch die Seele seiner Mutter Maria wird ein Schwert dringen –, damit aus vielen Herzen die Gedanken offenbar werden.

Doch die drei Könige bringen nicht nur wertvolle Gaben, sie tun auch etwas ganz Entscheidendes: Sie retten das Leben des Kindes, indem sie nicht zu Herodes zurückkehren. Sie leisten zivilen Ungehorsam und ermöglichen so der Familie die Flucht über die Grenze nach Ägypten.

Und wenn Sie sich wie ich schon einmal gefragt haben: Was ist eigentlich aus den teuren Gaben geworden, die Jesus und seine Familie zur Geburt bekommen haben? Dann muss man wohl sagen: Mit Gold, Weihrauch und Myrrhe konnten Maria und Josef nicht viel anfangen. Sie brauchten Geld für die Schleuser, die Grenzbeamten, für Obdach, Essen und Kleidung in Ägypten. Und so sind die Gaben der Könige wohl verkauft worden, um damit die Flucht der Heiligen Familie und ihren Start in ein neues Leben zu finanzieren. Caspar, Melchior und Balthasar geben durch ihre mutige Tat und durch ihre wertvollen Gaben diesem Kind eine Chance, eine Chance zu leben.

Andere Kinder und Familien haben nicht so viel Glück. Davon weiß auch Matthäus zu erzählen. Die Gewaltherrschaft der Machthungrigen löscht ihr Leben aus und nimmt ihnen die Grundlagen der Existenz. Für sie gibt es keine Rettung in letzter Sekunde und kein Startkapital.

Matthäus weiß, dass die Zukunft in Gestalt der unschuldigen Kinder von Bethlehem immer bedroht ist von den Machthungrigen, Skrupellosen und Gewalttätigen. Für dieses eine Mal kann Jesus ihnen entkommen. Doch irgendwann werden sie auch ihn erwischen und ans Kreuz schlagen lassen.

Krippe und Kreuz gehören von Anfang an zusammen.

Viele kennen die Heiligen Drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar. Doch nur wenige wissen, dass die Legenden noch von einem vierten König erzählen: Manche sagen, er kam aus Russland, andere sagen, er kam aus Persien. Der Name dieses Königs ist vergessen, weil niemand mehr lebt, der sich erinnert. Er war kein großer Herr und starker König, aber er war ein gerechter und gütiger Herrscher über sein Volk. Auch dieser vierte König bricht mit kostbaren Geschenken auf, um dem Stern zu folgen und das Kind in der Krippe zu suchen, wie seine berühmten Cousins. 

Als Gaben hat er einen funkelnden Edelstein, feinstes Leinen, Gold und eine kostbare Perle mit auf die Reise genommen, um sie dem König der Könige darzubringen. Doch immer wieder wird er auf seiner Reise aufgehalten. Immer wieder begegnet er Menschen, die seine Hilfe brauchen, von deren Schicksal er sich nicht einfach so abwenden kann. Braucht der König der Könige denn seine Kostbarkeiten dringender als diese Menschen, die ihm auf dem Weg begegnen?

Eines Nachts hilft er in einer Herberge einer Hure bei der Geburt ihres Kindes. Den funkelnden Edelstein schenkt er dem Kind als Starthilfe in ein besseres Leben. Eines Tages reitet er an einem Schlachtfeld vorbei, er hört die Schreie der Verwundeten, sieht ihre schlimmen Verletzungen.

Und so verbraucht er sein feinstes Leinen um ihre Wunden zu verbinden. Sein Gold wird jeden Tag weniger, weil er es den Armen, Obdachlosen und Geflüchteten gibt, die er in jeder Stadt trifft und deren Not ihn berührt. Die kostbare Perle ist das letzte Geschenk, das ihm noch bleibt. Doch als er mit ansieht, wie Soldaten einen Jungen zum Kriegsdienst zwingen wollen, besticht er den Offizier und kauft den Jungen mit der Perle frei.

So bleiben ihm nur noch sein Leben, seine Gesundheit und ein wenig Geld. Aber er setzt seine Suche fort. Doch es ist schon so viel Zeit vergangen. Der Stern ist verblasst und er kann den König nicht finden. Als er in Bethlehem eintrifft, ist die Heilige Familie schon geflohen und so setzt der vierte König seine Suche fort. Wo er nur kann hilft er Menschen in Not, verhindert Unrecht und lindert die Leiden derjenigen, die ihm begegnen.

Als er in Ägypten ankommt, wird er Zeuge wie der einzige Sohn einer Witwe in die Sklaverei verkauft werden soll, um die Schulden seines Vaters abzuarbeiten. Die Frau ist verzweifelt, der Junge verängstigt und den vierten König erfasst tiefes Erbarmen: Er tritt vor und geht anstelle des Jungen als Sklave auf die Galeere. Dreißig Jahre Ausbeutung, Erniedrigung und Schwerstarbeit.

Nach dreißig Jahren Sklavendienst wird der vierte König entlassen. Und er setzt seine Suche nach dem König der Könige fort. Als alter und kranker Mann kommt er schließlich nach Jerusalem. Am Ende seiner Reise erblickt er Jesus, das göttliche Kind, den König der Könige, am Kreuz. Er ist erschüttert und hat nichts mehr zu geben. Ist er mit seiner Suche gescheitert? All die Jahre hat er für dieses Kind, das nun als Mann am Kreuz endet, gelebt, geliebt und gelitten.

Obwohl er nicht rechtzeitig in Bethlehem war, um dem Kind zu huldigen, hat er ihm all die Jahre doch treu gedient. Obwohl er Jesus bis zu diesem Tag nie getroffen hat, ist er ihm doch begegnet:

im Angesicht der Armen, Leidenden und Entrechteten. Und am Ende seiner Reise hört er Jesu Stimme, die sagt: Ich war hungrig und du hast mir zu essen gegeben; ich war durstig und du hast mir zu trinkengegeben; ich war fremd und du hast mich aufgenommen; ich war nackt und du hast mir Kleidung gegeben; ich war krank und du hast mich besucht; ich war im Gefängnis und du bist zu mir gekommen.

Darin stimmen Matthäus und die Legende vom vierten König überein: Erbarmen und Nächstenliebe sind wichtiger als Reichtum und Anbetung. Denn der Weg zum Kind in der Krippe führt zu den Armen,Leidenden und Entrechteten.
In ihnen begegnet uns Christus.
Krippe und Kreuz gehören von Anfang an zusammen.
So erzählt es auch die Legende vom vierten König. 

Die Geburt, das Leben, der Tod und die Auferweckung Jesu sind untrennbar miteinander verbunden. Sie bezeugen uns die vielleicht wichtigste Botschaft, die wir am Weihnachtsfest empfangen und weitergeben können:
Erbarmen ist wichtiger als Reichtum.
Nächstenliebe ist wichtiger als Anbetung.
Das Licht ist stärker als die Finsternis.
Und das Leben ist stärker als der Tod. Amen.

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