02/04/2026 0 Kommentare
Sich Christus an vertrauen - wie geht das?
Sich Christus an vertrauen - wie geht das?
# Predigt

Sich Christus an vertrauen - wie geht das?
Ein Vorschlag, wie man seinen Glauben einfach leben kann, ohne sich dabei aufs Moralische zu beschränken. Predigt am 1. März 2026 von Pfr. Burkhard Weitz
Liebe Gemeinde,
was heißt es, an Gott und an Jesus Christus zu glauben?
Manche Leute sagen: Du glaubst an Gott, wenn du davon ausgehst, dass Gott existiert. Und du glaubst an Jesus Christus, wenn du sagst, dass alles, was in der Bibel steht, exakt so geschehen ist. Dass Maria eine Jungfrau war. Dass Jesus Wasser in Wein verwandelte. Dass Jesus über das Wasser lief. Dass Jesus den toten Lazarus zum Leben erweckte. Dass Jesus selbst von den Toten auferstand und das Grab leer war. Dass Jesus vor den Augen seiner Jünger in den Himmel emporgehoben wurde.
Sie sagen: Wenn du nicht davon ausgehst, dass all das exakt so geschehen ist, dann glaubst du nicht an Gott. Reicht das? Erschöpft sich Christusglauben darin, dass ich Dinge für möglich halte, die andere für unmöglich halten? Reicht es, dass ich herumlaufe und andere provoziere und vor den Kopf stoße mit Dingen, die sie einfach nicht für wahr halten können?
Ich würde sagen: Das ist zu wenig. Einfach nur Dinge für historisch wahr zu halten, ohne dass dies mein Leben grundlegend verändert, das ist weder Glaube an Gott noch Glaube an Jesus Christus.
Deshalb würde ich immer etwas genauer sein wollen: An Gott glauben heißt: auf Gott vertrauen, auf die Wirklichkeit Gottes setzen, darauf setzen, dass Gott wirkt und meinem Leben eine Richtung geben kann; dass Gott wirkt und der Menschheit eine Richtung geben kann. Deshalb nennen wir den Glauben auch Gottvertrauen. An Jesus Christus glauben heißt: auf Jesus Christus vertrauen, sich ihm anvertrauen.
Und dann kann ich vielleicht auch die biblischen Zeugnisse von dem, was damals geschah, etwas genauer lesen. Es geht den biblischen Autoren nicht darum, dass Jesus der große Zauberer war, der Dinge machen konnte, die andere nicht machen konnten. Es geht ihnen darum, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist, und dass sich Gott in ihm offenbart.
Nur: Wie kann ich mich Jesus Christus anvertrauen? Das ist ja nicht geradeselbsterklärend, wenn man bedenkt, dass Jesus und seine Jünger vor 2000 Jahren durch Galiläa streiften. Wie soll ich mich jemandem anvertrauen, der zu einer völlig anderen Zeit in einem völlig anderen Land mit völlig anderen Sitten und Gebräuchen lebte und wirkte?
Der erste Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Martin Niemöller, pflegte die Frage aufzuwerfen: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Es ist eine faszinierende Weise der Selbstbefragung. Aber sie hat ihre Grenzen. Sie trägt ein ganzes Stück. Ja, wir können sagen: Jesus würde es nicht gutheißen, wenn Menschen erniedrigt oder ausgegrenzt würden. Jesus würde es nicht gutheißen, wenn in seinem Namen ein autoritäres Regime errichtet würde. Denn wir wissen ganz genau: Jesus war kein Parteigänger des Herodes.
Und ja, Jesus würde Buße und Umkehr predigen, wenn in einem Land – so wie es in Deutschland während der Nazi-Zeit geschah – Menschen durch den Staat erniedrigt und ermordet würden, wenn das Leben eines Einzelnen kaum noch etwas zählt, wenn sich Zigmillionen Menschen einfach nur wegducken, wenn um sie herum Unrecht geschieht. Ja, es gibt sehr klare Antworten in sehr vielen Situationen, auf die Frage: „Was würde Jesus dazu sagen?“ In dieser Situation würde Jesus wohl fordern, dass man seine Schuld bekennt und dass man eben nicht so weitermacht, als wäre nichts geschehen. Sondern dass man innehält, dass man zurückschaut, dass man das Elend sieht, dass man – wenn nicht angerichtet, dann doch geduldet hat, das man achselzuckend hingenommen hat, von dem man sich abgewendet hat und es nicht wahrnehmen wollte.
Und dann wieder gibt es sehr viele Situationen, in denen wir eben keine Antwort wissen: Was hätte Jesus zu Russlands Krieg gegen die Ukraine gesagt? Dürfen sich die Menschen dort verteidigen? Und dürfen sie dafür Unterstützung erhalten? Oder sollen sie allesamt Märtyrer werden und die andere Wange auch noch hinhalten? Was hätte Jesus gesagt? Wissen Sie es?
Wie hätte sich Jesus in die heutige Debatte um Abtreibung eingeschaltet? Soll eine Klinik eine Frau nach einer Vergewaltigung abweisen und sagen: Wegen unseres christlichen Glaubens dürfen wir keine Abtreibung einleiten? Wissen Sie, was Jesus gesagt hätte?
Was würde Jesus uns in der heutigen Debatte um das Lebensende raten? Würde er sagen: Das Leben ist von Gott geschenkt, und nur Gott darf das Leben nehmen? Hätte er Mitleid mit den Sterbenden, die einfach nur erlöst werden wollen aus ihrem Elend? Oder hätte er gewarnt: Wenn Ärzte einmal anfangen, Sterbenden das Sterben zu erleichtern, dann geraten wir auf eine schiefe Ebene? Wissen Sie, wozu Jesus geraten hätte? Ich weiß es nicht.
Unser Christusglaube, unser Vertrauen auf Christus, macht uns nicht zu moralischen Besserwissern. Schon gar nicht macht er uns selbstgerecht. Eher würde ich das Gegenteil erwarten: „Was siehst du den Splitter im Auge des anderen“, hat Jesus auch gesagt, „aber den Balken in deinem eigenen Auge nimmst du nicht wahr?“ Selbstgerechtigkeit ist wohl das Letzte, was Jesus von uns erwartet hätte.
Manche Leute sagen: Christusglaube heißt, Jesus im eigenen Herzen zu tragen. Und ja, ich glaube, damit kommen wir der Sache schon näher. Ich persönlich stelle mir vor, ich wäre mit Jesus unterwegs im Heiligen Land. Welche Rolle würde ich einnehmen? Wer wäre ich?
Vielleicht der heroische Jünger, der großspurig verspricht: Ich bleibe dir immer treu zur Seite; ich würde sogar für dich sterben wollen! Aber dann muss ich mir auch von Jesus sagen lassen: Noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben.
Vielleicht wäre ich einer von den beiden Brüdern, die Jesus bitten: „Darf ich in deinem Reich an deiner Seite sitzen? Bekomme ich einen ganz besonderen Platz an deinem Tisch?“ Aber dann muss ich mir auch von Jesus sagen lassen: Wer unter euch groß sein will, der muss für die anderen ein Diener sein; der muss zu dienen bereit sein.
Vielleicht wäre ich auch einer von denen, denen Jesus im Garten Getsemane sagt: „Bleibt und wacht mit mir!“ Und der dann aber einschläft, weil er müde ist und weil er um den Ernst der Lage nicht weiß. Weil er sich in Sicherheit wiegt, statt Augen und Ohren aufzutun, statt wachsam zu bleiben.
Oder bin ich der Bettler am Wegesrand, dem alle Leute sagen: „Sei still! Stör Jesus nicht!“ Und der nicht anders kann, als zu rufen: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Und auch dann darf ich mir von Jesus sagen lassen: Dein Glaube hat dich gerettet.
Oder bin ich der miese Zöllner aus Jesu Erzählung, der sich im Tempel vor Scham in die Ecke verkriecht und sich gegen die Brust schlägt und demütig um Gnade bittet. Auch dann darf ich mir von Jesus sagen lassen: „Du gehst gerechtfertigt nach Hause. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden. Wer aber schon erniedrigt ist, den wird Gott erhöhen.“
Oder bin ich einer der beiden Räuber, die neben Jesus am Kreuz hängen und gleich sterben werden? Bin ich derjenige, der Jesus in den letzten Minuten seines Lebens verschmäht und verspottet? Oder bin ich derjenige, der sagt: „Ich trage meine Strafe zurecht. Aber dieser da, dieser Jesus von Nazareth, stirbt als Gerechter.“ Dann darf ich mir von Jesus sagen lassen: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“
Ich verstehe es so, dass der Apostel Paulus von dieser Art zu glauben, von dieser Art bei Jesus zu sein, mit ihm unterwegs zu sein und im ständigen Zwiegespräch mit Jesus zu sein – dass Paulus von dieser Art zu glauben spricht, wenn er im fünften Kapitel des Römerbriefes sagt, dass wir aufgrund unseres Glaubens gerecht sind, dass wir vor Gott gerechtfertigt sind aufgrund dessen, dass wir in der ständigen Gegenwart dessen leben, in dem sich Gott selbst offenbart hat. Wir mögen diese Gegenwart nicht immer spüren. Aber in Jesus Christus wendet sich Gott uns zu, wenn wir nicht weiterwissen.
Paulus sagt – und das ist der Predigttext für den heutigen Sonntag Reminiszere:
Weil wir aufgrund des Glaubens gerecht sind, haben wir Frieden, der auch bei Gott gilt. Den haben wir durch unserem Herrn Jesus Christus. Durch den Glauben haben wir Zugang zur Gnade Gottes. Sie ist der Grund, auf dem wir stehen. Und wir sind stolz auf die sichere Hoffnung, zu Gottes Herrlichkeit zu gelangen.
Man kann das griechische Wort kauchasthai mit „stolz sein“ übersetzen. Die Lutherbibel übersetzt mit: „sich rühmen“. „Wir rühmen uns der sicheren Hoffnung, zu Gottes Herrlichkeit zu gelangen.“ Vielleicht klingt „sich rühmen“ nicht ganz so überheblich, denn Überheblichkeit ist sicher nicht gemeint. Und Paulus sagt weiter:
Aber nicht nur das. Sondern wir sind auch auf das stolz, was wir erleiden. Denn wir wissen: Das Leid lehrt, standhaft zu bleiben. Die Standhaftigkeit lehrt, sich zu bewähren. Die Bewährung lehrt zu hoffen.
Aber die Hoffnung macht uns nicht zum Gespött. Denn Gott hat seine Liebe in unsere Herzen hineingegossen – durch den Heiligen Geist, den Gott uns geschenkt hat.
Bin ich derjenige, der standhaft ist im Glauben, wenn es darauf ankommt? Oder bin ich doch wie Petrus, der seine Bewährungsprobe vermasselt? Oder wie die Jünger im Garten Gethsemane, die einschlafen, als Jesus sie ermahnt wachsam zu bleiben? Ich weiß es nicht, und deshalb höre ich umso aufmerksamer hin auf das, was Paulus mir heute auch noch zu sagen hat:
Christus ist für uns gestorben, als wir noch schwach waren, so fährt Paulus fort, als wir noch ohne Gott lebten!
Dabei wird sich kaum jemand finden, der für einen gerechten Menschen stirbt. Jemand ist vielleicht gerade noch bereit, sein Leben für einen Menschen herzugeben, der Gutes tut.
Aber Gott beweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Das Blut Christi wurde für uns vergossen, Gott hat uns als gerecht angenommen.
Umso gewisser können wir sein, dass wir dann auch vor Gottes Zorn gerettet werden. Denn wir wurden durch den Tod seines Sohnes mit Gott versöhnt, als wir noch Feinde waren. Und wenn wir jetzt versöhnt sind, ist es doch umso gewisser, dass wir dadurch gerettet werden, dass sein Sohn lebt.
Und nicht nur das. Wir dürfen regelrecht stolz darauf sein, dass wir durch Jesus Christus, unseren Herrn, zu Gott gehören. Durch ihn haben wir jetzt schon die Versöhnung empfangen.Amen.
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