Richtet euch auf!

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# Predigt

Richtet euch auf!

Glaube bewährt sich in der Not. Predigt von Pfr. Burkhard Weitz am 2. Advent, 7. Dezember 2025


Liebe Gemeinde, 

schön haben wir es uns an diesem zweiten Advent hier in der Friedenskirche gemacht. Übers ganze Wochenende ist der Adventszauber hier eingezogen. Mit Buden im großen Saal, Waffel- und Punschduft im Foyer, mit Trompetenklängen aus dem Treppenhaus (danke Tilmann!). Draußen brannte die Feuerschale, Assefa harrte dort den ganzen Nachmittag an zwei Herdplatten aus, um Wachs flüssig zu machen, damit die Kinder im Garten Kerzen ziehen können. Danke, Assefa, für deine Geduld. Und danke, liebe Familie Klein, ganz besonders Hans Jochem Klein, der hinterm Büchertisch ausgeharrt hat, danke lieber Frauenkreis, liebe Kita-Eltern, lieber Daniel und liebe Mina aus der Jugend, dass ihr diesen Adventszauber möglich gemacht habt. 

Ich habe gehört, der Nikolaus soll gestern, am Nikolaustag, auch einmal im Garten erschienen sein. Und hier in der Kirche unter der Empore war die Filmvorführung mit dem Weihnachtsklassiker „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Ich habe nur einmal kurz reinschauen können. 

Und heute wird es wieder schön, wenn um 12 der Kirchenchor kommt und mit uns im Treppenhaus Lieder singen wird – und uns auch einige Lieder vorsingen wird. Wenn um 13 Uhr der Flötenkreis um Frau Fehling hier in der Kirche musiziert. 

Und wenn um 14 Uhr Tilmann Klein, der Papa von Johanna und Marlene, im Treppenhaus mit seiner Trompete unsere Advents- und Weihnachtslieder begleiten wird. 

Schön ist dieses ganze Programm. Schön war auch vergangenen Sonntag der erste Advent mit dem Ensemble LaCapella, den wunderschönen Stimmen der jungen Frauen, die uns auf den Ersten Advent eingestimmt haben, auf die Ankunft des Heilands. All das Schöne macht uns bereit. Und so ist es ja auch: Die schönen Erlebnisse um den Advent richten uns neu aus, lenken ab vom trüben Wetter draußen. Sie lassen uns gemütlich werden, heimelig, sie geben uns ein Gefühl des Wohlseins.  

„Schön sind die Steine und die Weihegaben, mit denen der Tempel Gottes in Jerusalem geschmückt ist.“ So sagen es die Leute in Jerusalem, als Jesus gerade dort zu Besuch ist. „Wunderschön sind sie, die Steine und die Weihegaben. Sie stimmen ein auf all das, was Gott noch mit uns vorhat – wenn der Messias kommt, der Menschensohn. Denn dann wird alles noch viel schöner. Aber schön, dass wir jetzt schon so viel von dieser Schönheit um uns haben!“

Unser Predigttext für den heutigen Sonntag erzählt davon, wie Jesus in den Tempel kommt, den Lobpreis der Menschen auf die Schönheit hört, und wie er darauf dann reagiert. Es ist eine verstörende Reaktion auf diese wohligen Worte. Denn Jesus antwortet nüchtern und kühl: „Es wird die Zeit kommen, in der von dem allen, was ihr seht, nicht ein Stein auf dem andern gelassen wird, der nicht zerbrochen werde.“

Das will man gar nicht hören. Schon gar nicht, wenn man sich im schönen Tempel aufhält. Und auch nicht, wenn man so ein schönes Adventswochenende hinter und vor sich hat: 

  • Es wird die Zeit kommen, da hier kaum noch Christinnen und Christen in Offenbach sind; 
  • es wird die Zeit kommen, da Barmherzigkeit ein Laster genannt und Mitgefühl als Schwäche geschmäht wird; 
  • es wird die Zeit kommen, da die Mächtigen sich ihre Wahlen zurechtfälschen, – da die Kirchen lästige Querulanten sind, die man entweder auf Spur bringt oder derer man sich entledigt;
  • es wird die Zeit kommen, da die wenigen noch verbliebenen Christinnen und Christen einander suchen müssen – die Zeit, in der sie sich nicht mehr in schönen großen Kirchen versammeln, sondern die wenigen Anderen zu sich daheim in ihre Wohnzimmer einladen. Und sie werden schwärmen von früher, von den schönen Festen, den schönen Adventswochenenden, vom Schmuck, von der Musik und der ganzen heimeligen Atmosphäre. 

„Was soll das, Jesus“, möchte man dazwischenrufen. „Schlechte Stimmung verbreiten, wenn alles doch so schön ist? Jesus, vermiese mir nicht die gute Laune; es ist Advent, da möchte ich so etwas gar nicht hören.“

Wer maßt sich da an, gerade dann Realismus zu verbreiten, wenn wir doch die schöne Illusion suchen? Wer will an das schreckliche Welt da draußen erinnern, wo wir doch nichts mehr herbeisehnen als die kleine Flucht in ein gelungenes, harmonisches Wochenende? Wer wollte Nüchternheit verbreiten gerade dann, wo uns doch an der Schönheit berauschen wollen.

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Und doch hat die liturgische Kommission der Evangelischen Kirche in Deutschland genau diese Worte Jesu dem Zweiten Advent als Predigttext zugeordnet. Worte, die querstehen zu dem, was wir doch eigentlich feiern wollen. 

Und Sie ahnen schon, was uns der Predigttext für den heutigen Sonntag mitgeben soll: Glaube ist keine Flucht ins Schöne, Harmonische. Glaube ist Vertrauen. Ein Vertrauen, das standhält auch am Montag, wenn der Zauber vorbei ist, auch am Dienstag, wenn sich die Woche vor einem noch unendlich erstreckt, auch am Mittwoch, wenn die ersten Erschöpfungszustände sich zeigen und man sich schon wieder das Wochenende herbeisehnt. 

Glaube bewährt sich, wenn die politischen Verhältnisse sich auflösen, wenn die Ordnung verloren geht, wenn sich die eigene Bubble auflöst, die eigene Blase, in der man sich doch immer so wohl gefühlt hat und wenn man ein Fremder in der eigenen Stadt wird.

Glaube bewährt sich als Standhaftigkeit, als Festhalten an dem, der die Liebe ist, und der uns doch eigentlich nach seinem Bilde geschaffen hat. Glaube bewährt sich als Festhalten an dem, der sich seiner Herrlichkeit entäußerte und aus Liebe Mensch wurde, die Bosheit der Menschen erlitt und sich ganz hingab. Glaube bewährt sich unter denen, die vom Geist der Liebe erfüllt sind. Glaube erfüllt sich darin, dass man die Hoffnung bewahrt, die Hoffnung, dass Gott letztlich die Dinge zum Guten wenden will. Glaube lässt sich von den äußeren Umständen nicht erschüttern. 

Und deshalb mag Jesus die Leute ernüchtern, die eben noch vom schönen Tempel geschwärmt haben, von den schönen Steinen und Weihegaben, mit denen er geschmückt ist. Aber Jesus gibt deshalb die Hoffnung nicht auf. Ich lese den Predigttext aus Lukas 21. Es sind die Verse 25 bis 33, der Teil aus seiner Rede, der auf die Ernüchterung folgt. Jesus sagt: 

»Zeichen werden zu sehen sein an der Sonne, dem Mond und den Sternen. 
Auf der Erde werden die Völker zittern. 
Sie werden weder aus noch ein wissen vor dem tosenden Meer und seinen Wellen.
Die Menschen werden vor Angst vergehen.
Sie warten auf die Ereignisse, die über die ganze Welt hereinbrechen werden. 
Denn sogar die Mächte des Himmels werden erschüttert werden. Aber dann werden alle es sehen: Der Menschensohn kommt auf einer Wolke mit großer Macht und Herrlichkeit. Aber ihr sollt euch aufrichten und euren Kopf heben, wenn das alles beginnt: Eure Erlösung kommt bald!«

Und dann erzählte Jesus den Leuten ein Gleichnis: 

»Schaut euch doch den Feigenbaum an oder all die anderen Bäume. Wenn ihr seht, dass sie Blätter bekommen, dann wisst ihr: Der Sommer ist bald da. So ist es auch mit euch: Wenn ihr seht, dass das alles geschieht, dann wisst ihr: Das Reich Gottes ist nahe. Amen, das sage ich euch: Diese Generation wird nicht sterben, bevor dies alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.«

So weit der Predigttext. Glaube bewährt sich in der Not, wenn ich allen schlimmen Anzeichen zum Trotz an der großen Hoffnung festhalten kann: „Das Reich Gottes ist nahe.“ Glaube ist, wenn ich das Austreiben der Bäume als Zeichen der Hoffnung lesen kann. Wenn ich die langen Winternächte durchgehalten habe, den ersten Frühlingsstrahl auf der Haut spüre und noch immer unverdrossen sage: „Der Sommer ist bald da.“ Wenn ich den Hass und die Missgunst der Mächtigen aushalten muss, wenn ich die Zwietracht aushalten muss, die sie säen, aber dennoch festhalten kann an der Liebe, dennoch festhalte daran, dass uns nicht scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn. 

Wir wissen nicht, was die Zukunft für uns bringt. Aber wir üben dieses Muster des Glaubens jetzt in der Adventszeit ein, während wir auf Weihnachten warten; wir prägen uns dieses Muster ein: Und wir prägen uns diese Aufforderung ein: Ihr sollt euch aufrichten und euren Kopf heben, wenn das alles beginnt  und das ganze Übel erst so richtig losgeht: Eure Erlösung kommt bald!

Dietrich Bonhoeffer ist mir ein Vorbild in dieser Haltung: Der bürgerlich aufgewachsene Bonhoeffer liebte Advent und Weihnachten; er liebte schön geschmückte Wohnzimmer, gemütliches Beisammensein und gemeinsames Musizieren. Dieser Bonhoeffer verbrachte seine letzten 23 Monate im Wehrmachtuntersuchungsgefängnis von Berlin-Tegel und im Kellergefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin. Während dieser Haftzeit wurde er wegen Wehrkraftzersetzung angeklagt und zum Tode verurteilt. Und während dieser Haftzeit formulierte Dietrich Bonhoeffer: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.“

Dadurch, dass ihr euch habt taufen lassen, liebe Johanna und liebe Marlene, habt ihr kundgetan, dass ihr euch alle Dinge zum Besten dienen lassen wollt. Denn das möchte ich euch mitgeben: Wir üben unseren Glauben jetzt, in den guten Zeiten, eigentlich nur ein. Wir machen es uns schön. Wir gestalten das Leben, wie man es eben im Guten gestalten kann, und: Klar! Natürlich geht auch immer etwas schief und es gibt Streit. Aber letztlich versuchen wir aus den Tagen im Advent das Beste aus dem zu machen, was wir haben und wer wir sind.

Wir identifizieren unseren Glauben nicht mit dem Schönen, mit dem wir uns umgeben. Unser Glaube ist nicht die schöne Adventsfolklore. Sondern mit dieser Adventsfolklore nähren wir etwas in uns, eine Vorstellung von dem, wie unser Miteinander sein könnte – ein Gefühl für das, was Vorfreude sein könnte. Wir inszenieren unseren Glauben, um in unseren Köpfen, in unserer Vorstellungswelt etwas stark zu machen, das uns auch in schwierigen Zeiten hilft. 

Denn wir wissen, und das müssen wir an einem so schönen Adventswochenende auch gar nicht ausblenden, dass auch wieder andere Zeiten kommen, und für nicht wenige von uns sind diese schlechten Zeiten jetzt schon da. Und wir hoffen, dass wir auch dann an der Liebe Gottes festhalten, über die wir uns jetzt so schwärmerisch freuen. 

Der Glaube soll uns aufrichten, und stark machen, uns innerlich frei machen, das Richtige zu tun. Und ja, lieber Assefa, das mag in deiner Jobbeschreibung vielleicht nicht so explizit drinstehen: Aber wenn ich mir ein Ziel unserer gemeinsamen Arbeit hier für die Protestantinnen und Protestanten in Offenbach definieren würde, dann doch das: Dass wir in der jungen, nachwachsenden Generation dieses innere Reich des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung mitgeben. Dass wir der jüngeren Generation diese Resilienz mit auf den Weg mitgeben, diese trotzige Haltung, dass wir uns alles, auch das Böseste, zum Guten dienen lassen; dass wir uns nicht vom Bösen überwinden lassen, sondern das Böse mit Gutem überwinden; dass wir festhalten an dem, der da ist, der da war und der da kommt, an dem Gott, der die Liebe ist. 

In der Woche zwischen dem 3. und 4. Advent öffnen wir die Friedenskirche für „Essen und Wärme“. Wir öffnen sie für die Menschen, für die an ihrer gegenwärtigen Situation überhaupt nichts schön ist. Wir öffnen die Türen, auch um uns selbst der Realität um uns herum zu stellen. Wir öffnen die Türen in der Hoffnung, dass wir uns während dieser einen Woche alle in Geduld miteinander einüben, dass wir mit unseren verschiedenen Lebensgeschichten wenigstens für eine kleine Weile zusammenfinden – in diesem von sozialen und kulturellen Unterschieden geprägten Flickenteppich Offenbach. 

Und wenn wir uns innerlich gestärkt haben, wenn wir uns nach außen geöffnet haben, wenigstens mal für eine Woche, dann kann er kommen, der Menschensohn, vielleicht nicht auf einer Wolke mit großer Macht und Herrlichkeit, sondern in einer Futterkrippe liegend.

Aber ihr sollt euch aufrichten und euren Kopf heben, wenn das alles beginnt. Und ihr sollt immer wissen, egal was euch zustößt: Eure Erlösung kommt bald! 

Amen.

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