26/03/2026 0 Kommentare
Nun leg mal los, Jesus!
Nun leg mal los, Jesus!
# Predigt

Nun leg mal los, Jesus!
Aber Jesus legt nicht los. Er lässt sich Zeit. Für den Bettler. Für dich. Für mich. Predigt am 15. März 2026 von Pfr. Burkhard Weitz
Liebe Gemeinde,
in der Bibel gibt es viele humorvolle Passagen. Wir haben uns nur leider angewöhnt, die Bibel so bierernst zu lesen, dass wie den Witz gar nicht mehr erkennen.
Zu meinen Lieblingsspäßen gehört einer über einen Seher, einen Propheten, der mit Blindheit geschlagen ist. Er spielt in der Zeit von Israels Wüstenwanderung nach dem großen Auszug Israels aus Ägypten, bzw. als diese Wüstenwanderung an ihr Ziel kommt, als Israel sich dem viel gelobten und verheißenen Land nähert.
Das Volk nähert sich mit seinem mächtigen Gott dem Kulturland. Und die Könige des Kulturlandes zittern, weil sie um ihre Königreiche fürchten.
Einer dieser Könige beauftragt den nicht-israelitischen Propheten Bileam, er solle den Bann brechen und das Volk Israel verfluchen. Bileam macht sich auf den Weg und reitet auf seiner Eselin zu einem erhöhten Ort, von wo aus er das im Tal lagernde Volk verfluchen kann.
Ein Engel stellt sich Bileam und seiner Eselin mehrmals in den Weg. Einmal weicht die Eselin dem Engel aus. Sie verlässt den Pfad und läuft übers Feld, bis Bileam sie auf den Pfad zurückprügelt. Einmal wird der Pfad schmal in den Weinbergen, und die Eselin drückt sich an die Mauer, um dem Engel auszuweichen. Dabei klemmt sie Bileams Fuß ein. Aber dann versperrt der Engel den Weg an einer Stelle, wo kein Ausweichen möglich ist. Da kniet die Eselin hin, und Bileam schlägt sie im Zorn mit seinem Stecken.
Und plötzlich kann die Eselin reden. Nach der Schlange im Paradies ist sie das zweite Tier in der Bibel, das die Sprache der Menschen spricht. Die Eselin beschwert sich über die Schläge und sagt: „Was habe ich dir getan?“ Bileam wundert sich gar nicht, das die Eselin mit ihm ein Gespräch beginnt. Denn als Seher hat er schon einiges zu sehen bekommen. Er ärgert sich bloß darüber, dass sie nicht spurt. Die Eselin sagt: „Habe ich dir nicht immer treu gedient?“ Bileam muss das einräumen. Und dann erst sieht der Seher, was die Eselin die ganze Zeit schon gesehen hat. Da steht ja ein Engel!
Der Seher sieht nicht, was sogar die Eselin sieht! Ausgerechnet die Eselin! Ja, hat denn der Mann seinen Beruf komplett verfehlt? Das ist ja so wie ein Schriftgelehrter, der sich von einem Analphabeten über die Schrift belehren lässt! Oder wie bei einem Maurer, der sich von einem Gelähmten das Maurerhandwerk beibringen lässt! Oder wie bei einem Förster, dem ein Stadtkind den Wald erklärt!
Ich stelle mir vor, wie die Menschen früher am Lagerfeuer bei solchen Geschichten herzhaft über den blinden Seher Bileam gelacht haben. Liebevoll gelacht, nicht spöttisch.
Von ähnlicher Blindheit sind die Jünger geschlagen, als sie mit ihrem Rabbi Jesus auf den Weg nach Jerusalem machen. Sie laufen von Galiläa durch die Jordansenke. Sie wollen von Jericho aus dann nach Westen abbiegen und das Gebirge hinaufsteigen in Richtung der heiligen Stadt.
Sonderbare Probleme beschäftigen sie. Sie wollen zur Rechten und zur Linken Jesu sitzen. Sie wollen, dass Jesus ihren Glauben stärkt. Sie sagen ihm, dass sie ja schon alles für ihn aufgegeben hätten. Und jetzt wollen mit ihm in das Reich Gottes einziehen.
Die Jünger vernehmen durchaus die Worte, die Jesus von sich gibt. Sie vernehmen, wie Jesus die beharrlich bittende und bettelnde Witwe preist, die Frau, der einen faulen und untätigen Richter solange piesackt und auf die Nerven geht, bis er ihr endlich Recht verschafft.
Aber als die Leute ihre Kinder zu Jesus bringen, kleine unbeholfene Wesen, die sich noch gar nicht im Griff haben, weisen die Jünger sie ab. Und als ein Bettler am Wegesrand sitzt, der Jesus laut hinterherruft, fahren die Jünger den Bettler an, er solle die Klappe halten.
Die Jünger vernehmen die Worte, als Jesus das Leiden des Menschensohns ankündigt. Aber hören sie auch auf das, was er sagt? Wie es scheint, tun sie das nicht. Sie sind nicht nur blinde Seher, sie sind auch taube Hörer. Ich lese den Predigttext aus dem Lukasevangelium, Kapitel 18, Verse 31 bis 43:
Jesus nahm die Zwölf beiseite und sagte zu ihnen: »Wir ziehen jetzt nach Jerusalem. Dort wird alles in Erfüllung gehen, was die Propheten über den Menschensohn geschrieben haben: Er wird an die Heiden ausgeliefert, die unser Land besetzen. Er wird verspottet, misshandelt und angespuckt werden. Sie werden ihn auspeitschen und töten. Aber am dritten Tag wird er vom Tod auferstehen.«
Die Zwölf verstanden kein Wort. Der Sinn dieser Worte blieb ihnen verborgen. Sie begriffen nicht, wovon er sprach.
Als Jesus in die Nähe von Jericho kam, saß ein Blinder am Weg und bettelte. Er hörte, wie die Volksmenge an ihm vorbeiging, und fragte: »Was ist denn los?« Die Leute sagten zu ihm: »Jesus von Nazaret kommt gerade hier vorbei.« Da rief er laut: »Jesus, du Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!«
Die Leute, die vor Jesus hergingen, fuhren ihn an: »Sei still!« Aber der Blinde schrie noch viel lauter: »Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!« Da blieb Jesus stehen und sagte: »Bringt ihn zu mir!« Als der Blinde bei ihm war, fragte Jesus ihn: »Was willst du? Was soll ich für dich tun?« Der Blinde antwortete: »Herr, dass ich sehen kann!« Jesus sagte zu ihm: »Du sollst sehen können! Dein Glaube hat dich gerettet.«
Sofort konnte er sehen. Er folgte Jesus und rühmte Gott. Auch das ganze Volk, das alles miterlebt hatte, lobte Gott.
„Was will dieser Jesus?“, fragen sich die Jünger. „Können wir nicht endlich mal zum Punkt kommen und hier mal ein schönes Gottesreich aufrichten? Nun leg mal los, Jesus! Mach nicht so viele Worte, bau uns einfach ein schönes Gottesreich!“
Ich verstehe die Jünger. Sie fühlen sich etwa so, wie ich, wenn ich morgens aufstehe und mich mein Kater anmaunzt, ich soll ihm was zu essen geben. Dann sage ich: Du nervst, kleines Katerchen. Ich habe Wichtigeres zu tun. Ich muss jetzt meine Predigt fertig ausarbeiten.
Oder so, wenn es einem Engagierten von uns aus der Gemeinde schlecht geht. Ich möchte so gerne hin und ihn besuchen, mir Zeit nehmen, einfach mal reden. Aber es liegen doch so wichtige Dinge an! Und wir müssen doch gemeinsam noch so viel schaffen! Und plötzlich habe ich ein ganz schlechtes Gewissen, dass ich nicht einhalten kann, wofür ich doch mal angetreten bin.
Oder so, wenn eine Kollegin ständig krank ist und alle Arbeit an den anderen hängen bleibt. Was für eine furchtbare Situation, wenn den Kolleginnen die Geduld ausgeht, und die Kollegin sich schuldig fühlt und sich kaum noch traut, die nächste Hiobsbotschaft über ihre Krankheit mitzuteilen.
Deshalb verstehen auch die zwölf Jünger Jesu Leidensankündigung nicht. Sie haben so große Pläne. Da kann man schon mal die Geduld verlieren. Deshalb fahren sie auch den Blinden an, er solle still sein.
Er stört ihre großen Pläne. Jesus wendet sich dem Blinden zu. Jesus fragt den Blinden, was er will. Der Blinde weiß genau, was er will: Dass er sehen kann.
Martin Luther pries einmal die bettlerische Kunst: dass der Bettler um seine Bedürftigkeit weiß. Dass er seine Angewiesenheit kennt. Dass er sich selbst nicht für den Retter hält, sondern dass er einfach nur um Rettung bittet.
Was ist deine Not?
Was ist deine Bitte an den Christus, der vorüber geht?
Oder bist du in dieser Geschichte gar nicht der Bettler?
Identifizierst du dich eher mit den drängenden Jüngern?
Es kommt ja noch schlimmer für die Jünger:
Jesus will gar kein perfektes Reich aufrichten, in dem alle Probleme für uns gelöst sind. Er will sich hingeben. Er will sich der Übermacht der anderen ergeben.
Natürlich verstehen die Jünger das erst recht nicht. Sie haben noch Großes vor. Sie stehen auf der Seite der Macher, nicht der Empfänger. Sie haben Programme und Visionen.
Welcher Utopie renne ich hinterher? Welche Erlösung suche ich in dem, was ich tue? Und was könnte das für eine Erlösung sein, wenn ich schon nicht die drängenden Bitten aus meinem direkten Umfeld höre? Was könnte das für eine Erlösung sein, wenn ich schon selbst gar nicht richtig benennen kann, was mir auf der Seele liegt, was mich fesselt, was mir die Luft zum Atmen nimmt?
Die nächsten Wochen der Passions- und Fastenzeit geben uns Gelegenheit, der Frage nachzugehen, warum sich Jesus so in das Leiden hineinbegibt. Warum er so wehrlos wird, wie diejenigen, denen er immer geholfen hat. Und was das mit dem Kommen des Reiches Gottes zu tun hat.
Wer mag, kann sich unserem Fastenkreis anschließen, in dem wir in den nächsten Wochen versuchen, alle Härte abzulegen. „Mit-Gefühl“, so lautet die Fastenaktion der Evangelischen Kirche in Deutschland in diesem Jahr: „Sieben Wochen ohne Härte“. Wir schließen uns zu einem kleinen Fastenkreis zusammen und treffen uns jeden Mittwoch hier in der Kirche. Wer dabei sein möchte, ist herzlich eingeladen.
Vielleicht ist das Gottesreich ja schon oft so viel näher, als wir denken. Vielleicht ist es schon mitten unter uns – und wir, die Sehenden, sehen es nur gerade nicht. Vielleicht sind es die Bettler unter uns, die das Reich in ihren Händen halten. Amen.
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