13/01/2026 0 Kommentare
Momente der Erfüllung
Momente der Erfüllung
# Predigt

Momente der Erfüllung
Oder wenn einen der Rockzipfel der Ewigkeit streift. Predigt am Sonntag nach Epiphanias, am 11.1.2026, von Pfr. Burkhard Weitz
Liebe Gemeinde,
wir beginnen das neue Jahr 2026 mit großer Verwirrung über die politische Weltlage und was aus uns kleinen Leuten hier werden soll, während sich die Mächte des Todes über uns zusammenbrauen.
Und hoffentlich beginnen wir das neue Jahr 2026 auch mit großer Hoffnung darüber, was alles werden kann und wer uns wirklich retten kann und mag.
Die Lesung und der Predigttext führen uns zurück an den Anfang des Wirkens Jesu – so als stünden wir selbst wieder einmal ganz am Anfang und könnten frisch und neu beginnen.
Aber natürlich tun wir das nicht, sondern wir stehen mitten im Leben, und die Herausforderungen sind in aller Regel noch immer dieselben wie die von vor einer Woche oder vor einem Monat.
Und vielleicht sind diese Herausforderungen auch ganz grundsätzlicher Art: Erschöpfung, Ernüchterung. – Vielleicht sind es auch die bohrenden Fragen der Kinder und Enkel, die sich längst von Kirche und Glaube abgewandt haben: Mama (oder: Papa), was hält dich da eigentlich in der Kirche? Opa (oder: Oma), was soll das mit dem Glauben? Was hast du überhaupt davon?
Wenn das Neugier-Fragen wären, dann wäre ja alles in Ordnung. Aber wenn sich in diesen Fragen einfach nur Unverständnis und Ungeduld darüber äußert, dass man immer noch an diesem alten Zeug festhält, weil man naiv sei und an einem Kinderglauben klammere, an dem Ergebnis schräger Erziehung oder sonst was Sinnlosem – wenn sich einfach nur Unverständnis und Ablehnung in diesen Anfragen äußert:
Was sagt man denn da? Ich sage es gleich: Ich habe auf solche Anfragen auch keine schlagfertige Antwort.
Die Kirche stand von Anfang an vor solchen Infragestellungen. Sie hat deshalb die Philosophie bemüht, um ein festes Gerüst zu bekommen für das, was sie der Menschheit an wichtiger Erkenntnis mitzuteilen hat.
Man nennt dieses philosophische Gerüst den Platonismus, weil er auf Plato zurückgeht, den vielleicht größten unter allen Philosophen. Plato hatte die Erkenntnis, die bis heute ungemein wichtig ist: dass alles, die ganze Menschheit, die ganze Natur, das ganze Universum einer erkennbaren Logik folgt. Plato selbst nannte diese Logik die Welt der Ideen, das heißt die Welt, die sich einem nur als Idee erschließt, also gedanklich. Und diese Logik zu erkennen, gedanklich zu durchdringen, darin bestehe die besondere Würde des Menschen.
Die Naturwissenschaften, vor allem Astrophysik und Teilchenphysik können das bestätigen. Sie bedienen sich der Mathematik als einer universalen Logik, mit der sich Dinge erkunden können, die unser Wesen, unser All auch in seinen entferntesten und unerreichbaren Regionen ausmachen. Mit der Mathematik lassen sich Galaxien berechnen, die aus den Anfangsjahren des Universums stammen. Mit der Mathematik lassen sich schwarze Löcher errechnen, die ganze Galaxien in sich aufsaugen und verschwinden lassen können. Mit der Mathematik lässt sich sogar die Hintergrundstrahlung unseres Alls beschreiben, die noch aus der Anfangszeit unseres Universums stammt
Und mit der Mathematik lassen sich Voraussagen treffen, die sich später, oft viele Jahrzehnte später, mit den moderneren und fortgeschritteneren Messinstrumenten messen lassen: In der Teilchenphysik gibt das Higgs-Boson davon ein beeindruckendes Zeugnis, das man am Teilchenbeschleuniger bei Genf Jahrzehnte nach seiner mathematischen Berechnung nachweisen konnte.
In der Astrophysik haben die Gravitationswellen Schlagzeilen gemacht, die sich mathematisch schon aus Einsteins Relativitätstheorie ergaben, die aber erst vor wenigen Jahren gemessen werden konnten.
Die Mathematik beschreibt die Logik, die dem Universum innewohnt, sowohl in der allerkleinsten Materie, die uns wie eine surreale Leere erscheint, als auch an den entferntesten Enden des Universums. Überall gilt diese Logik. Und wir wissen das, auch wenn wir nie dorthin gelangen und nachschauen können.
Unser winziger Planet Erde mag sich durch ein riesiges, gewaltiges lebensfeindliches Universum bewegen. Und die unendlichen Weiten des Universums mögen von unfassbarer Leere sein, hin und wieder durchzogen von lebensfeindlichem Gestein, von glühenden Sternen, von gewaltigen Galaxien, die sich anordnen zu einem Muster von Milliarden oder Trilliarden von Galaxien. Und dennoch wohnt auf diesem winzig kleinen Planeten Erde dasbisschen Leben, das dieses ganze Universum zu erfassen und zu denken imstande ist.
Diese Logik des Universums zu erkennen, darin besteht die Würde des Menschen, sagte vor vielen Jahrhunderten der Philosoph Plato. Und das darf man heute noch so sagen und damit zu höchsten universitären Ehren kommen.
Die ersten christlichen Denker knüpften an Plato an. Sie stellten die Theologie auf ein festes Gerüst, auf ein festes Fundament. Und sie sagten: Zur besonderen Würde des Menschen gehört noch mehr. Sie besteht darin, dass der Mensch ein Ebenbild dessen ist, aus dem diese ganze Logik herrührt: von Gott. Die besondere Würde des Menschen ist sogar genau beschreibbar. Denn der, aus dem dieses ganze All kommt, zeigte sich in Menschengestalt und lebte in einem uns bekannten Zeitfenster an einem uns bekannten Ort. Und er stellt unsere Alltagsethik so sehr auf den Kopf, lehrte uns so einleuchtend und zutreffend – aber zugleich auch so wehrlos und so selbstlos, wie wir Menschen eigentlich bestimmt sind, miteinander zu leben, dass wir nicht anders können als zu sagen: Dieser eine Menschensohn, dieser eine Gottessohn ist Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott. Er ist es, der die Fülle der Göttlichkeit in sich trägt.
Ich weiß, dieser philosophisch-theologische Ansatz hilft nicht, wenn einen die Kinder oder die Enkelkinder zu Rede stellen. Aber er mag helfen, wenn man vergnügt in sich schweigt, weil man etwas erkannt hat, weil man den Rockzipfel der Ewigkeit kurz berührt hat, weil man immer wieder nach diesem Rockzipfel greift in kurzen Momenten der Sinnhaftigkeit.
Es sind ja oft nur kurze Momente, von denen wir dann lange zehren müssen. Der Dichter Gottfried Benn hat solche kurzen Momente der Sinnhaftigkeit in einem Gedicht beschrieben:
Ein Wort, ein Satz, aus Chiffren steigen erkanntes Leben, jäher Sinn. Die Sonne steht, die Sphären schweigen und alles ballt sich zu ihm hin.
Ein Wort – ein Glanz, ein Flug, ein Feuer, ein Flammenwurf, ein Sternenstrich - und wieder Dunkel, ungeheuer, im leeren Raum um Welt und Ich.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag lässt uns teilhaben an einem, der diesem Rockzipfel der Ewigkeit sehr nahegekommen ist. Und er wurde in die Lage versetzt, Zeugnis davon zu geben. Der Predigttext steht bei Matthäus 3,13-17:
Damals kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes. Er wollte sich von ihm taufen lassen. Johannes versuchte, ihn davon abzuhalten. Er sagte: »Ich müsste doch eigentlich von dir getauft werden! Und du kommst zu mir?« Jesus antwortete: »Das müssen wir jetzt tun. So erfüllen wir, was Gottes Gerechtigkeit fordert.« Da gab Johannes nach. Als Jesus getauft war, stieg er sofort aus dem Wasser. In diesem Moment öffnete sich der Himmel über ihm. Er sah den Geist Gottes, der wie eine Taube auf ihn herabkam. Da erklang eine Stimme aus dem Himmel: »Das ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude.«
Der Predigttext erzählt von der Taufe Jesu. Und er erzählt, dass Jesus auf seiner Taufe bestanden habe – „weil es die Gerechtigkeit Gottes erfordert“, so haben wir es gerade in der Übersetzung der Basisbibel gehört. „Damit alle Gerechtigkeit erfüllt werde“, heißt es in der Lutherübersetzung. Damit so ein Moment der Sinnhaftigkeit da ist, ein Bild, einprägsam für uns Menschen.
Und dieses Bild beschreibt Matthäus so: Unmittelbar nach seiner Taufe im Jorden steigt Jesus aus dem Wasser. Und in diesem Moment öffnete sich der Himmel über ihm.
Und es heißt: „Er sah den Geist Gottes, der wie eine Taube auf ihn herabkam. Da erklang eine Stimme aus dem Himmel: Das ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude.“ Die himmlische Stimme macht für alle Zeugen dieser Szene explizit, was die Szene selbst eigentlich auch schon einfängt: Gottvater, Gott Sohn, Gottes Geist, alle vereint an einem Ort.
Eine biblische Vorahnung der kirchlichen Lehre von der Dreieinigkeit.
Ein Flammenwurf, ein Sternenstrich. … aus Chiffren steigen erkanntes Leben, jäher Sinn. Die Sonne steht, die Sphären schweigen und alles ballt sich zu ihm hin.
Wir werden im Laufe dieses Kirchenjahres mehr über diesen Gottessohn erfahren, was das Besondere an Jesus von Nazareth war, wie er heilte, was er sagte, wie er lebte, wie er starb und warum er den Sieg über die Mächte des Todes behielt.
Aber so viel verriet uns heute ja schon mal die Epistel-Lesung aus dem 1. Korintherbrief. Gottes Logik des menschlichen Miteinanders ist keine Logik der Stärke und der Überwältigung.
„Was der Welt schwach erscheint, das hat Gott ausgewählt“, sagt der Apostel Paulus. Und Gott hat das Schwache ausgewählt, „um die Stärke der Welt zu beschämen.“ „Was für die Welt keine Bedeutung hat und von ihr verachtet wird, das hat Gott ausgewählt. Er hat also gerade das ausgewählt, was nichts zählt. So setzt er das außer Kraft, was etwas zählt.“
Was hält dich eigentlich in der Kirche? Was soll das mit dem Glauben? Was hast du überhaupt davon?
„Nichts habe ich davon“, wird wohl die richtige Antwort sein. „Außer, dass ich den Rockzipfel der Ewigkeit immer wieder mal aufblitzen sehe. Dass ich erkenne, was uns als Menschen überhaupt eine Chance gibt, auf diesem fragilen und gefährdeten Planeten Erde in diesem unendlichen und lebensfeindlichen All zu überleben. Außer, dass ich sehe, es macht doch alles irgendwie Sinn, aber nicht wie ihr denkt, liebe Kinder, liebe Enkelkinder.“
Meine Kraft, mein Halt, die kommen nicht von der Stärke des Argumentes, nicht aus der Macht, die sich durchsetzt, nicht aus dem gegenseitigen Übertrumpfen. Sondern meine Kraft schöpfe ich aus dem Weg, den dieser Jesus von Nazareth gegangen ist, aus dem Weg, den wir Jahr für Jahr aufs Neue mit ihm einschlagen, aus dem Weg, der Jesus ans Kreuz geführt hat – weil nur dieser Weg am Ende über die Mächte des Todes den Sieg behielt. Amen
Kommentare