Was tröstet dich?

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Was tröstet dich?

# Predigt

Was tröstet dich?

Dass ich zu Christus gehöre - zusammen mit all den anderen, die sich ihm auch zugehörig fühlen. Predigt an Epiphanias, 6.1.2026 von Pfr. Burkhard Weitz


Liebe Gemeinde,

kennen Sie das? Sie lesen ein Buch. Eine Szene hinterlässt einen tiefen Eindruck bei Ihnen. Vielleicht ist diese Szene gar nicht wichtig im Buch. Vielleicht wird sie nur mit einigen Sätzen oder mit einigen Wörtern angedacht. Aber in Ihrer Phantasie malen Sie diese Szene aus. Sie denken weiter über diese Szene nach. Ihr Nachdenken verselbständigt sich. Und am Ende haben Sie von dem Buch nicht viel mehr in Erinnerung, als eine vage Vorstellung von dieser Ausgangsszene Ihres Nachdenkens. Und wenn Sie das Buch dann viele Jahre später noch einmal lesen, finden Sie diese Szene gar nicht wieder. 

Ich hatte genau dieses Erlebnis mit dem Buch „Wie eine Träne im Ozean“ von Manès Sperber, das ich Mitte der 1980er Jahre gelesen habe. Damals hatte Manès Sperber den Friedenspreis des deutschen Buchhandels für dieses Buch bekommen. Der Autor verarbeitet darin in Romanform seine eigene Enttäuschung über die Kommunistische Partei, die zunehmend autoritärer, zunehmend menschenfeindlicher wurde und sich irgendwann kaum noch von ihrem Hauptgegner, dem Faschismus unterschied. 

In meinem Kopf blieb das Bild von einem Kommunisten hängen, der in einem KZ gefangen gehalten wird, verraten von seiner eigenen diktatorischen Partei. Von einem Menschen, den seine Peiniger mit Isolation foltern, und den seine Parteigenossen mit Isolation bestrafen, weil die Parteizentrale in Moskau sich von ihm abgewandt hatte. 

Mich trieb die Frage um: Wie hält man so eine Art von Isolation aus, ohne wahnsinnig zu werden? Ich weiß nicht, ob meine Antwort aus dem Buch kam, oder ob ich sie aus anderen Quellen habe. Ich habe mir gedacht: So etwas hält man nur mit einem reichen Innenleben aus. So etwas hält man nur aus, wenn man einen Reichtum von Gedanken, von auswendig Gelerntem, von Literatur oder Liedgut in sich trägt. 

Und wenn wir die Konfirmanden Vaterunser, Glaubensbekenntnis und 23. Psalm auswendig lernen lassen, dann ist das immer in meinem Hinterkopf: Nehmt geistige Nahrungsreserven mit ins Leben, etwas, das euch niemand nehmen kann. Ihr wisst nicht, was noch alles auf euch an Prüfungen zukommen kann. 

Im Predigttext für den heutigen Sonntag imaginiert ebenfalls jemand die Psyche eines Gefangenen. Ein uns unbekannter Autor, der womöglich Paulus nahestand, versetzt sich in die Rolle des gefangenen Apostels Paulus und schreibt aus seiner Sicht, aus der Sicht dieses im Gefängnis festgehaltenen Paulus, einen Brief. Dieser Brief findet sich unter dem Namen „Epheserbrief“ im Neuen Testament. 

Den Predigttext an Epiphanias haben wir soeben als Epistellesung gehört. Ich lese ihn noch einmal zur Erinnerung vor. Im Brief an die Epheser, Kapitel 3, Verse 1-7 erfahren wir: 

Nun sage ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch Heiden – ihr habt ja gehört, worin das Werk der Gnade Gottes besteht, die mir für euch gegeben wurde: 

Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden, wie ich zuvor aufs Kürzeste geschrieben habe. Daran könnt ihr, wenn ihr’s lest, meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen. Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht, wie es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist; nämlich, dass die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium, dessen Diener ich geworden bin durch die Gabe der Gnade Gottes, die mir nach seiner mächtigen Kraft gegeben wurde.

Der Autor des Epheserbriefes stellt sich die Überlebensstrategie des Gefangenen Paulus anders vor, als ich sie mir damals nach der Lektüre von Manès Sperbers Roman „Wie eine Träne im Ozean“ vorgestellt habe. Etwas anders, nicht völlig anders. Der fiktive Paulus greift auch auf etwas Geistiges zurück, auf etwas, das in seinem Kopf ist und das ihm deshalb niemand nehmen kann. Nur ist es nichts Auswendiggelerntes, kein Gedicht, kein Lied, kein Psalm. 

Paulus greift auf eine Offenbarung zurück, auf eine Eingebung, ein Werk der Gnade Gottes – seine „Einsicht in das Geheimnis Christi“, eine Einsicht, die ihn offenbar in der Gewissheit stärkt: „dass die Heiden Miterben sind und mit uns zu einem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind.“

Und es ist diese Einsicht, die ihm Trost und Halt gibt – die Einsicht, dass er, der Jude Paulus, zusammen mit den Heiden, den Menschen aus allen anderen Gegenden und Religionen und Kulturen, die man sich vorstellen kann, eine Familie bilden kann, und zwar mit denen, „die Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind.“

Ist das ein Trost, der einem in schweren Stunden, vielleicht sogar in der Fremde, wenn man seinen Peinigern irgendwo auf einem fremden Stückchen Erde ausgesetzt ist, weiterhilft?: dass alle, die sich zu Christus bekennen, egal woher sie kommen, egal, welche Sprache sie sprechen, egal welche Traditionen und Gewohnheiten sie pflegen, egal was für Umgangsweisen sie untereinander haben – dass alle, die sich zu Christus bekennen, eine Familie sind!

Anfang der 1990er Jahre, also lange vor der Ausbreitung des Internet, reiste ein Studienkollege von mir durch die USA. Er hatte ein Adressbuch bei sich, in dem Menschen christlichen Glaubens gelistet waren. Wer dieses Adressbuch besaß, gehörte selbst zu der Gruppe derer, die alle Menschen im Besitz dieses Adressbuches bei sich aufnahmen, und die auch selbst privat aufgenommen wurden. Er suchte eine Adresse aus seinem Buch heraus, rief an, klärte, ob sein Kommen in den Zeitplan passen würde, und fuhr hin. 

Einmal kam er in eine Kleinstadt im Mittleren Westen der USA. Er musste weit hinauslaufen, von der Greyhound-Station bis an den Rand der Stadt. Sein Gastgeber, ein Mensch, den er vorher nie gesehen und von dem er nie gehört hatte, dessen Telefonnummer er im Adressbuch gefunden und mit dem er kurz am Telefon gesprochen hatte, dieser Gastgeber hatte ihm eine genaue Wegbeschreibung mit auf den Weg gegeben. Und während er mit seinem Rucksack in die lange Straße einbog, an deren Ende sein Gastgeber wohnte, kam ihm ein Pickup entgegen. Der Fahrer öffnete sein Fenster und rief ihm zu: „Are you Christian?“ Christian, so hieß mein Studienkollege. Er bejahte. Da reichte ihm der fremde Mann Wohnungsschlüssel und sagte: „Mach dir was zu essen. Du findest alles im Kühlschrank. Ich bin bis heute spät abends unterwegs. Wir sehen uns morgen beim Frühstück.“ 

Und so war es. Christian fand das Haus. Der Kühlschrank war voll. Anweisungen lagen auf dem Küchentisch in diesem wildfremden Haus. Und er richtete sich ein, als wäre er hier bei einem guten Bekannten. 

Auch diese Erzählung von Christian hat meine Phantasie losgetreten und mich nicht mehr losgelassen. Wie wäre es denn, wenn wir Christinnen und Christen eine große weltweite Gemeinschaft von denen sind, die allein nach Christus fragen?! Die einander vertrauen; die Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium sind, einer Verheißung, nach der alle Menschen auf Erden versöhnt sein und zum Frieden miteinander finden werden. Und die als Mitgenossen von dieser Verheißung nicht nur eine Vorahnung haben, wie dieses Miteinander aussehen kann. Sondern die es jetzt schon leben, jetzt schon praktizieren, wenigstens in ihren geschlossen Kreisen. 

Ich spreche von einem Miteinander von Menschen über alle Sprachbarrieren hinweg, über alle kulturellen Barrieren hinweg, über alle fremden Umgangsformen hinweg. 

Vielleicht können wir ein bisschen auch selbst schon dieses Miteinander einüben in diesem Jahr. Am Wochenende 15. bis 17. Mai 2026 sind wir als Friedenskirchengemeinde in die schlesische Stadt Jauer eingeladen, von unserer Partnergemeinde, der Friedenskirche in Jauer. Da können wir schon etwas von diesem länderübergreifenden Miteinander ausprobieren. Im nächsten Gemeindebrief werden wir darüber berichten. 

Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Mit dieser Frage beginnt der Heidelberger Katechismus. Und er antwortet: „Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“

Ich gehöre zu Christus, das ist mein einziger Trost im Leben und im Sterben.  Und du – du sagst es auch von dir, dass dies dein einziger Trost im Leben und im Sterben sei?  Dann lass uns ins Gespräch kommen.  Lass uns vertrauensvoll miteinander umgehen.  Lass uns das mal ausprobieren, was es heißt: Vertrauen schenken. Lass uns einander bestärken und bekräftigen, wie sehr dieser Trost durchs Leben und durchs Sterben trägt. Amen. 

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