"Meine Kräfte sind vertrocknet"

"Meine Kräfte sind vertrocknet"

"Meine Kräfte sind vertrocknet"

# Predigt

"Meine Kräfte sind vertrocknet"

Wie gut, wenn ich dann sagen kann: "Ich komme nicht alleine klar. Ich brauche Hilfe!" Predigt am zweiten Sonntag nach Epiphanias, 18.1.2026, von Pfr. Weitz


Liebe Gemeinde, 

die Bibel ist eine Sammlung von Büchern, die von Menschenhand geschrieben wurde. Sie spiegeln den historischen Kontext wider, in dem sie entstanden sind. 

Aber gleichzeitig sagen wir, die Bibel sei Gottes Wort. Denn in den Schriften, die in der Bibel gesammelt wurden, entdecken wir immer wieder Überzeitliches, das sie zu sagen haben. Und wenn ich über einen biblischen Text predige, dann doch immer über das Letztere, das Überzeitliche. 

Der Predigttext heute geht zurück auf den Propheten Jeremia, einen Menschen, der 600 Jahre vor Christus lebte. Darin bezieht sich Jeremia auf eine Zeit der Trockenheit, die sich möglicherweise zu seiner Zeit zugetragen hat. Diese Dürre wird zunächst eindrücklich beschrieben.

Es fällt auf, dass nicht der Prophet beschreibt, was er um sich herum erlebt. Sondern Gott spricht zu Jeremia und beschreibt die Trockenheit – als müsse jemand Jeremia darauf hinweisen, was um ihn herum geschieht und wie elend es ihm selbst dabei ergeht. 

Die Worte lesen sich wie ein göttlicher Weckruf: "Sieh doch, wie ausgetrocknet alles ist! Sieh es doch ein, so geht es nicht weiter!" Ich lese den ersten Teil des Predigttextes, Jeremia 14,1-6: 

Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre: „Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor. Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst. Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst.“ – 

So weit der erste Teil des Predigttextes aus Jeremia 14. '
Gott beschreibt ein Land, das jämmerlich da liegt. Städte, die verschmachten, die trauernd zu Boden sinken. Eine Hauptstadt, deren Wehklage zum Himmel emporsteigt. Die Großen schicken ihre Bediensteten zur Quelle, aber da ist nichts, was sie schöpfen können. Die Leute sind einfach nur dumpf und traurig. Eine Unzufriedenheit erfüllt alle. Sogar die Natur geht ein. 

Was könnte das Überzeitliche sein, das in dieser Beschreibung der Dürre zum Ausdruck kommt? Was wäre gemeint, wenn diese Worte auch mich betreffen? Oder anders gefragt: Was ist meine Dürre? Was lässt mich austrocknen? 

Vielleicht ist ja auch die Dürre gemeint, von der Psalm 22 spricht, wenn es dort heißt: „Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen.“ Diese Bilder scheinen sich weniger auf den physischen Wassermangel zu beziehen. Sie scheinen eher eine „geistige Dürre“ anzusprechen, eine innere Austrocknung, einen Zustand mentaler Erschöpfung.

Und wenn Sie jetzt zu assoziieren beginnen, dann glaube ich, fallen Ihnen womöglich ganz unterschiedliche Situationen ein. Zwei kommen mir in den Sinn.

Ich stelle mir vor, dass jemand von Ihnen schon einmal einen lieben Menschen gepflegt hat, sehr lange gepflegt hat, und dass diese Person diese Aufgabe ganz allein auf sich genommen und sich aufopferungsvoll dieser Aufgabe gewidmet hat. Dass diese Person sich so verantwortlich fühlte, dass sie vereinsamte, dass sie regelrecht innerlich austrocknete – und zwar so sehr, dass diese Person sofort verstehen würde, was damit gemeint ist: „Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen.“ 

Und ich stelle mir jemand anderen vor, vermutlich einen jüngeren Menschen, der Tag für Tag neun, zehn oder zwölf Stunden am Mobiltelefon hängt oder an der Playstation und den Bezug zur Realität verliert. Jemand, der vor seinem digitalen Endgerät vereinsamt – und sich dann nach zwei, drei Wochen – oder nach zwei, drei Monaten – oder nach zwei, drei Jahren fragt: Was habe ich eigentlich die ganze Zeit gemacht? Was habe ich erlebt? Ich stelle mir vor, dass diese Person irgendwann verstehen würde, was damit gemeint ist: „Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen.“

Ich fühle mich wie ein Land, das jämmerlich da liegt. Wie Städte, die verschmachten, die trauernd zu Boden sinken. Da ist keine Quelle, aus der man schöpfen könnte. Ich bin einfach nur dumpf und traurig. Eine Unzufriedenheit erfüllt mich. Sogar die Natur um mich herum scheint einzugehen. 

Wie gut, wenn ich dann noch die Kraft habe, meine innere Austrocknung zu spüren. Wenn ich überhaupt erstmal erkenne, dass es mir selbst gar nicht gut geht, dass ich müde und matt und ausgelaugt bin. Wie gut, wenn ich erkenne, dass ich mir selbst nicht mehr helfen kann. Wie gut, wenn ich Worte finde, die meine Situation beschreiben. Es ist dann schon viel gewonnen, wenn meine eigene Wehklage zum Himmel emporsteigt. 

Und so geht unser Predigttext weiter:  
„Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir gegen dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!“ 

Wie groß muss meine Not sein, dass ich aufhöre mit den Ausflüchten: "Ich komme klar, mach dir keine Sorgen"?! Wie matt und kraftlos muss ich sein, bevor ich mir eingestehe: Ich kann nicht mehr! Ich brauche selber Hilfe! Ich schaffe den Schritt vor die Tür nicht mehr! Ich traue mich ja gar nicht mehr unter die Leute! Wie groß muss meine Not sein, dass ich mir eingestehe: Ich kann mir selbst nicht mehr helfen. Gott, hilf du mir!?

Jeremias Klagegebet ist etwas anders, als man es in dieser Situation erwarten würde. Er sagt:
„Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir gegen dich gesündigt haben. 

Passen meine Beispiele noch zum Predigttext heute? Welche Sünde sollte mich verklagen, wenn ich mich aufopferungsvoll der Pflege meines Angehörigen widme? Welche Sünde verklagt mich, wenn ich einfach nur an meinem Computer spiele? Ich tu doch in beiden Fällen niemandem was Böses!  

Wir laden die Begriffe Sünde und Ungehorsam schnell moralisch auf. Aber „Sünde“ bedeutet zunächst nur: Trennung von Gott. 

Und „Ungehorsam“ heißt in seiner ursprünglichen Bedeutung: Nicht mehr hinhören. „Gehorsam“ und „gehorchen“ kommen vom „Hören“. Ich höre, was mir gesagt ist. Oder ich höre es eben nicht mehr und schneide mich ab von der Quelle, die mich leben lässt, die mich innerlich auffrischen kann. 

Die Quelle ist die Ansprache von außen. Sie ist die Zuwendung, die Nähe, die ich selbst brauche. Diese Quelle spüre ich, wenn ich mich als Teil eines größeren Ganzen erlebt, in dem ich Zuwendung finde, menschliche Nähe. In mir ist ein Durst nach Liebe, der gestillt werden will. Und ja: Wir sind alle auf ein Miteinander angewiesen. In der Vereinsamung verdursten wir geistig. Das ist wohl so. 

Wir üben uns in diesem Kirchenjahr Sonntag für Sonntag wieder darin ein, unsere Angewiesenheit zu spüren, indem wir nach den Quellen fragen, die unseren Durst stillen. Sind es die Menschen um mich herum? Und packt mich manchmal ein größerer Durst, eine größere Sehnsucht? Und wenn ja, wonach? 

Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer,
heißt es im Klagegebet des Jeremia.
Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!“ 

Christen heißen wir, nach dem Gott, der Mensch geworden ist, der unsere Not mit uns geteilt hat. Christen heißen wir, nach dem, der die größte Einsamkeit und Gottverlassenheit erlitt, aber den Gott doch wieder erhöht und zur höchsten Ehren erhoben hat. Christen heißen wir, weil wir getauft sind, wie der Christus, und weil Gott zu uns spricht, wie bei der Taufe Jesu – auch wenn wir es mal nicht hören sollten: Du bist mein geliebtes Kind. Amen

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