26/03/2026 0 Kommentare
Lass die Toten die Toten begraben
Lass die Toten die Toten begraben
# Predigt

Lass die Toten die Toten begraben
Nur wenige waren bereit, Jesus radikal nachzufolgen. Frauen waren es. Eine Predigt am Weltfrauentag, 8. März 2026, von Vikar Michael Rydryck
Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Evangelium nach Lukas, Kapitel 9, die Verse 57-62. Jesus wandert mit seinen Schülerinnen und Schülern durch das Land, predigt, hört zu, heilt und begegnet immer neuen Menschen, auch solchen, die ihm nachfolgen wollen und dafür bereit sind, alles hinter sich zu lassen:
Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.
Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm:
Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Ich mag diesen Text. Aber ich frage mich auch, wenn ich diese Zeilen lese: Wer ist denn gemacht für das Reich Gottes? Bin ich es? Sind Sie es?
Das wäre doch was: Alles hinter sich lassen und mit aller Konsequenz den eigenen Weg gehen. Nur nach vorne, nicht zurück schauen. Einfach leben, wie Jesus gelebt hat. Wie in dem Gedicht von Gerhard Tersteegen. Der Dichter schreibt:
Man muss wie Pilger wandeln,
frei, bloß und wahrlich leer;
viel sammeln, halten, handeln
macht unsern Gang nur schwer.
Wer will, der trag sich tot;
wir reisen abgeschieden,
mit wenigem zufrieden;
wir brauchen's nur zur Not.
Drauf wollen wir's denn wagen,
es ist wohl wagenswert,
und gründlich dem absagen,
was aufhält und beschwert.
Welt, du bist uns zu klein;
wir gehn durch Jesu Leiten
hin in die Ewigkeiten:
Es soll nur Jesus sein.
Das wäre doch was: konsequent leben wie Jesus es uns vorgelebt hat; nichts darum geben, was andere von uns denken; tun, was gut und richtig ist in den Augen Gottes, eben weil es gut und richtig ist, auch wenn die Welt das anders sieht. Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!
Schon zu Lebzeiten Jesu hatten nur ganz wenige Menschen den Mut für diesen Schritt. Und nicht wenige von ihnen waren Frauen.
So lesen wir in Kapitel 8 des Lukasevangeliums: Und auch einige Frauen, die von bösen Geistern und von Krankheiten geheilt worden waren, begleiteten Jesus: Maria, genannt Magdalena, aus der sieben Dämonen ausgefahren waren, Johanna, die Frau des Chuzas, eines Beamten des Herodes, Susanna und viele andere. Sie unterstützten Jesus und seine Schüler mit ihrem Vermögen.
Diese Frauen waren bereit für das Reich Gottes. Sie brauchen keine Extraeinladung wie die zwölf Apostel. Sie folgen Jesus, weil sie es selbst so entschieden haben, weil sie glauben, dass hier etwas passiert, das auch ihr Leben betrifft und grundlegend verändert, weil sie erkennen, dass sich Gott durch diesen Jesus den Menschen zuwendet, dass er Menschen heilt, dass er sie frei macht, dass er sie erlöst.
Es waren Frauen, die Jesus und seine Schüler und Schülerinnen unterstützt haben. Es waren Frauen, die ihn immer wieder einluden, um auf seine Worte zu hören. Es waren Frauen, die Jesus die Füße wuschen und das Haar salbten. Es waren Frauen, die unter dem Kreuz dem Grauen standhielten und seinen geschundenen Leib schließlich in den Armen hielten. Und es waren Frauen, die seinen Körper im Tod versorgten.
Am ersten Tag der Woche gingen die Frauen mit den wohlriechenden Salben, die sie zubereitet hatten, in aller Frühe zum Grab. Da sahen sie, dass der Stein vom Grab weggewälzt war; sie gingen hinein, aber den Leichnam Jesu, des Herrn, fanden sie nicht. Und es geschah, während sie darüber ratlos waren, siehe, da traten zwei Männer in leuchtenden Gewändern zu ihnen. Die Frauen erschraken und blickten zu Boden. Die Männer aber sagten zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden. Erinnert euch an das, was er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war: Der Menschensohn muss in die Hände sündiger Menschen ausgeliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen. Da erinnerten sie sich an seine Worte. Und sie kehrten vom Grab zurück und berichteten das alles den Elf und allen Übrigen. Es waren Maria von Magdala, Johanna und Maria, die Mutter des Jakobus, und die übrigen Frauen mit ihnen. Sie erzählten es den Aposteln.
Frauen erzählen als Erste die frohe Botschaft von der Auferweckung Jesu den Aposteln. Maria von Magdala gilt nicht ohne Grund schon der Alten Kirche als die Apostelin der Apostel.
Diese Frauen in der Nachfolge Jesu riskieren viel mehr, als ihre männlichen Kollegen. Als Frau Haus,Heimat und Herd zu verlassen, vielleicht sogar den eigenen Mann, oder sogar nicht zu heiraten, um einem Lehrer zu folgen, ein Wanderleben zu beginnen – das war nicht selbstverständlich, nein, das war unerhört! Diese Frauen geben ihr Vermögen für die frohe Botschaft und sie setzen ihre soziale Stellung aufs Spiel.
Und so kam es dann auch, dass nur 1900 Jahre nach diesen Ereignissen und nur 400 Jahre nach der Reformation Frauen endlich Pfarrerinnen werden durften und auch Leitungsämter in den evangelischen Kirchen besetzen durften…
Wenn wir heute auf andere Konfessionen mit dem Finger zeigen oder auf andere Länder, um dort Frauenrechte anzumahnen, dann sollten wir vielleicht mehr Demut zeigen.
Denn auch bei uns Evangelischen kam die Einsicht nur widerwillig und spät, dass Frauen ein gleichberechtigter Platz in der Kirche Jesu Christi zusteht. Dabei hätten wir doch in den Texten der Bibel deutlich lesen können, dass sich Jesus Männern und Frauen und Kindern in gleicher Weise zugewandt hat, dass ihm Männer und Frauen und Kinder nachgefolgt sind, und dass in den frühen Gemeinden Prophetinnen, Apostelinnen und Diakoninnen gemeinsam mit ihren männlichen Kollegen die frohe Botschaft bezeugt, verkündet und gelebt haben. Ohne tatkräftige Frauen wären die Kirchengeschichte und die Reformation kaum denkbar. Und wo wären unsere Gemeinden heute ohne die vielen tatkräftigen, engagierten und inspirierenden Frauen?
Als Mann sage ich deshalb heute: Ich würde mir wünschen, dass wir die Kraft und den Mut hätten, Jesus so nachzufolgen wie die Frauen in seinem Umfeld – wie seine Mutter Maria, wie Maria und Martha, wie Johanna, wie Maria von Magdala, wie die Samaritanerin, wie die Apostelin Junia. Denn Nachfolge ist eine Haltung und alle diese Frauen haben Haltung gezeigt, haben Mut und Hingabe bewiesen. Sie vertrauten auf Gott, blieben fest und zuversichtlich, sie erwarteten alles von Gott und dem neuen Leben, das Jesus verkündet hat.
Diese Haltung findet sich auch in den Worten von Psalm 25, Worten, die dem heutigen Sonntag seinen Namen gegeben haben – Oculi, Augen:
Meine Augen schauen stets auf den HERRN;
denn er befreit meine Füße aus dem Netz.
Wende dich mir zu und sei mir gnädig;
denn ich bin einsam und arm!
Ängste haben mein Herz gesprengt,
führ mich heraus aus meiner Bedrängnis!
Sieh meine Armut und Plage an
und nimm hinweg all meine Sünden!
Sieh meine Feinde, wie zahlreich sie sind,
mit welchem tödlichen Hass sie mich hassen!
Erhalte mein Leben und rette mich,
lass mich nicht zuschanden werden!
Denn ich habe mich bei dir geborgen.
Unschuld und Redlichkeit mögen mich schützen,
denn ich hoffe auf dich.“ Amen.
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