09/12/2025 0 Kommentare
Heldenhafte Hure
Heldenhafte Hure
# Predigt

Heldenhafte Hure
Eine blutrünstige Geschichte widerlegt gesellschaftliche Klischees. Die Hure Rehab, eine Parabel gegen Selbstgerechtigkeit. Predigt am 12. Oktober 2025 von Pfr. Weitz
Liebe Gemeinde,
der Predigttext für den heutigen Sonntag ist ein Ausschnitt aus einem Kriegsbericht. Dieser Kriegsbericht erzählt begeistert, wie das Volk Israel unter dem Anführer Josua ein fremdes Land erobert, das Land Kanaan, die Einheimischen vertreibt oder ermordet und Kanaan in Besitz nimmt. Was früher Kanaan war, wird nun zu Israel. Nimmt man die Geschichte so für sich, wie sie dasteht, ist es eine grausame Geschichte, an der es nichts zu beschönigen gibt.
Und ich behaupte sogar: Ein anderes Volk zu vertreiben, ihm die Lebensgrundlage zu nehmen, es mit Krieg zu überziehen, es sogar in den Tod zu treiben, das widerspricht dem Geist der Bibel. Es ist antibiblisch, es ist ein Verbrechen.
Denn der Gott der Bibel, des gemeinsamen jüdisch-christlichen Erbes, fordert dazu auf, Fremde in der eigenen Mitte zu beschützen und für sie zu sorgen – ihnen sogar die Teilnahme an religiösen Festen zu gestatten. Genauso wie Gott ein liebendes Anliegen und Heilsabsichten für diese Menschen hat, soll das Volk Israel, soll die Christenheit auch ihnen mit Liebe begegnen.
Fremdenliebe ist eines der zentralen Gebote des Alten wie des Neuen Testaments.
Mehr noch: Die Propheten der Bibel entwerfen große Friedensvisionen. So beschreibt der biblische Prophet Micha den Frieden so, dass „ein Jeder ungestört unter seinem Feigenbaum und in seinem Weingarten sitzen kann, ohne dass ihn jemand aufschreckt“. Frieden ist, wenn Menschen einander in Ruhe lassen: Wenn sie die anderen ihre Kinder großziehen lassen, wenn sie sie ihre Felder bebauen und ihren Handel treiben lassen.
Wir müssen also den verborgenen Sinn hinter den vordergründig kriegerischen Erzählungen suchen. Die Bibel war schon immer ein gottesdienstliches Buch, ein Buch zur Erbauung von Menschen, zu ihrer religiösen Erbauung. Sie war nie als ein Buch konzipiert, dass die Macht von Staatenlenkern über andere legitimieren sollte.
Die Bibel erzählt: Lange bevor das Volk Israel bestand, hatte Gott Abraham erwählt und mit ihm einen ewigen Bund geschlossen. Er und seine Nachkommen sollten ein Segen für die ganze Welt werden. Durch Abrahams Nachkommen wollte Gott alle Menschen retten. Teil dieser Abmachung war das Versprechen, dass Gott seinem Volk ein Land geben werde. Diese Verheißung ging mit dem Einzug in Kanaan in Erfüllung.
Schon seit der Antike, schon in vorchristlicher Zeit versuchten Juden dieses Versprechen eines eigenen Landes geistlich zu verstehen, ebenso den Befehl, die Kanaanäer auszurotten. Es gehe nicht um ein physisches, sondern um ein geistliches Reich, meinten einige.
Es gehe nicht darum Menschen umzubringen. Sondern die Kanaanäer stünden allegorisch für das Götzendienerische: für die eigene Neigung zu Götzendienst, für eine Neigung in einem selbst. Diese Neigung gelte es auszurotten.
Als Christinnen und Christen sollen wir die Waffen und die Rüstung des Glaubens anlegen, betont der Epheserbrief. Auch diese vordergründig kriegerische Rhetorik muss geistlich gelesen werden. Denn der Autor des Epheserbriefs ermahnt zu Friedfertigkeit. Und er spricht von geistlichen Waffen – nicht von physischen.
Ich selbst bin nicht fertig mit diesen alten Geschichten von der Eroberung Kanaans und ihrer Deutung. Aber ich sehe in der geistlichen Deutung eine Abwehr von missverständlichen Deutungen: von Versuchen, Kriege religiös zu legitimieren. Kriege lassen sich nicht religiös legitimieren. Wer anderen einen Krieg aufzwingt, begeht ein Verbrechen.
Das Buch Josua, das von der Eroberung Kanaans handelt, beginnt nicht mit einer Eroberung. Es beginnt mit einer Bekehrung. Die erste kanaanäische Person, die der Leser kennenlernt, ist eine Frau, die Gottes Souveränität anerkennt und sich daraufhin von der götzendienerischen Sphäre, von Kanaan abwendet. Sie wendet sich dem gottesfürchtigen Volk Israel zu.
Die Geschichte dieser Frau ist heute der Predigttext. Und ich möchte Sie einladen, die Perspektive einzunehmen, die auch die Geschichte selbst einnimmt. Die Geschichte, wie sie in der Bibel steht, unterscheidet ganz naiv zwischen Gut und Böse. Auf der Seite des Guten stehen die Gottesfürchtigen; auf der Seite des Bösen die Götzendienerischen.
Die Geschichte wird aus der Perspektive der Frau erzählt, die sich von den Götzendienerischen abwendet und sich den Gottesfürchtigen zuwendet.
Abschließend gehe ich kurz der Frage nach: „Was erzählt diese Geschichte über mich und dich?“ Der Predigttext steht im Buch Josua, Kapitel 2 (Jos 2,1-21). Ich lese ihn in drei Abschnitten vor, die ich einzeln kommentiere:
Josua, der Sohn des Nun, war in Schittim und schickte von dort zwei Kundschafter los. Sie bekamen den geheimen Auftrag: »Geht, schaut euch in dem Land um, besonders in der Stadt Jericho!«
Da gingen sie los und kamen zu dem Haus einer Frau, die eine Hure war und Rahab hieß. Dort kamen sie unter.
Doch der König von Jericho erfuhr davon: »Siehe, in der Nacht sind Männer hierhergekommen, Israeliten, die das Land ausspionieren wollen.«
Da ließ der König von Jericho Rahab ausrichten: »Gib die Männer heraus, die in deinem Haus untergekommen sind! Die sind doch nur gekommen, um das ganze Land auszuspionieren!«
Daraufhin nahm die Frau die beiden Männer und versteckte sie.
Dem König aber antwortete sie: »Ja, die Männer sind zu mir gekommen. Ich weiß aber nicht woher. Bevor es dunkel geworden ist und das Stadttor geschlossen werden sollte, sind die Männer wieder gegangen. Ich weiß auch nicht, wohin sie gegangen sind. Schnell, lauft ihnen hinterher, dann könnt ihr sie noch einholen!«
Sie hatte die Männer aber auf das flache Dach gebracht, wo Flachs zum Trocknen ausgebreitet war. Unter dem Flachs versteckte sie die Männer.
Inzwischen hatte man auf der Straße zum Jordan die Verfolgung aufgenommen. Man wollte sie noch vor den Übergängen erreichen. Das Stadttor aber wurde geschlossen, nachdem die Verfolger hinausgegangen waren.
Die Eroberung Jerichos beginnt mit einem Schelmenstück. Im Zentrum des Geschehens steht eine Frau namens Rahab. Sie ergreift die Initiative. Sie versteckt die gottesfürchtigen Kundschafter. Und sie trickst ihre götzendienerischen Verfolger aus.
Es ist bemerkenswert, dass eine Frau die entscheidende Rolle bei der Eroberung des Landes einnimmt. Denn von einer Frau überwunden zu werden, gilt den Männern in den alten Geschichten der Bibel als eine Schande. In einer anderen biblischen Geschichte kommt der König Abimelech zu Fall, weil eine Frau einen Mühlstein von der gegnerischen Stadtmauer auf ihn wirft. Abimelech will nicht durch die Hand einer Frau sterben. Es wäre für ihn eine Schande. Also zwingt er einen seiner eigenen Soldaten, ihn zu töten.
In unserer Geschichte kommt noch etwas hinzu. Für die Männer aus dem götzendienerischen Land Kanaan ist diese Frau eine „Hure“. Diese Männer behaupten also, sie sei ehrlos. Zu einer Hure kann ein Mann gehen; er gibt ihr Geld, und dann vergewaltigt er sie. Der Mann bezahlt, er unterwirft sich die Frau, und dann tut er so, als sei dies ein Handel, ein Geschäft, ein fairer Tausch.
Warum lässt die Frau die Männer etwas tun, wofür sie sie anschließend verachten? Weil sie andernfalls keine Chance hätte zu überleben. Eine Frau ohne Ehemann galt im alten Orient – und nicht nur im alten Orient – als rechtlos. Ihre einzige Chance, ihr Leben abzusichern, war ihr Selbstbehauptungswille, ihr Durchhaltevermögen, ihre innere Stärke. Sie musste ständig abschätzen: Wann muss ich mich schützen, und wann muss ich der Gewalt der anderen nachgeben. Denn sobald ihr jemand etwas Böses will, steht ihr niemand zur Seite, um sie zu schützen.
Warum verachten verheiratete Männer diese schutzlose Frau als treulose Hure? Warum verachten sie nicht sich selbst, da sie ja ihrer eigenen Frau untreu werden und die Notlage einer anderen Frau für ihre Befriedigung ausnutzen? Diese Frage lässt sich nicht logisch beantworten. Das Verhalten dieser Männer entzieht sich jeglicher Logik. Es macht einfach keinen Sinn. Aber so sind die Männer aus dem götzendienerischen Land Kanaan – in dieser Geschichte. Und ganz bestimmt nicht nur in dieser Geschichte.
Die Bibel macht diese im Grunde schutzlose Frau zur Heldin. Niemals hätte Israel das gut befestigte Jericho einnehmen können, wenn Rahab nicht den Mut bewiesen hätte, wenn sie nicht initiativ geworden wäre und die Männer von Jericho vorgeführt hätte.
Rahab versteckt die gottesfürchtigen Kundschafter. Und als die Männer aus ihrer götzendienerischen Stadt an ihre Tür klopfen und nach ihnen fragen, sagt sie: „Die Kundschafter waren da.“ Und sie lügt: „Sie sind aber schon weg.“ Und sie trickst: „Lauft ihnen hinterher.“
Und das ist das ihr Schelmenstück: Rahab lenkt die Männer aus ihrer Stadt, die sie sonst immer gegen Geld ihrem Willen unterworfen haben, in die falsche Richtung. Man sieht diese Männer förmlich davonlaufen, obwohl doch diejenigen, die sie suchen, nur ein Stockwerk höher auf dem Dach liegen und den Atem anhalten. Über die betrogenen Betrüger darf man erleichtert lachen.
Und man darf Rahab bewundern. Sie durchschaut das Kalkül der Männer. Was die Männer denken, ist ja klar: Sie werden das Stadttor hinter sich schließen, so dass alle, die noch in der Stadt sind, dortbleiben müssen. Dann werden sie den Kundschaftern nachsetzen.
Denn entweder sagt Rahab die Wahrheit. Dann müssen die Männer von Jericho schnell und entschlossen handeln, damit die gottesfürchtigen Kundschafter ihnen nicht entkommen. Oder Rahab lügt. Aber dann können sie ja später noch immer mit den Kundschaftern fertig werden – und mit Rahab.
Rahab durchschaut ihr Spiel. Sie weiß, dass sich diese Männer für schlauer halten als sie, die angeblich so ehrlose Frau. Rahab weiß, dass diese Männer ihre Macht für ungebrochen halten. Sie hat das böse Spiel dieser Männer schon immer durchschaut. Aber jetzt ist sie am Zug. Sie versteckt die Kundschafter auf dem Dach unter dem Flachs, der zum Trocknen ausliegt. Rahab weiß, dass die Männer von Jericho Dinge wie Flachs für Frauenkram halten, nichts, das ihrer Beschäftigung würdig wäre. Rahab wendet ihre Arroganz gegen sie selbst.
Natürlich riskiert Rahab auch etwas; sie ist mutig. Ihre Notlüge hätte ebenso gut durch einen dummen Zufall auffliegen können – und das wäre dann auch ihr Ende gewesen. Aber Rahab ist eine Heldin. Und so geht die Geschichte auch weiter:
Die Frau stieg auf das Dach hinauf, bevor sich die Kundschafter schlafen legten. Sie sagte zu den Männern: »Ich weiß, dass der Herr euch das Land gegeben hat. Uns alle hat die Angst vor euch überfallen. Die Bewohner des Landes zittern vor euch. Denn wir haben davon gehört, was der Herr für euch getan hat: Er legte das Schilfmeer trocken, sodass ihr aus Ägypten ausziehen konntet. Auch wissen wir, was jenseits des Jordan geschah: Die beiden Amoriterkönige Sihon und Og habt ihr ganz und gar vernichtet. Als wir es hörten, verloren wir allen Mut. Unser Widerstand war gebrochen. Denn der Herr, euer Gott, ist Gott, oben im Himmel und unten auf der Erde. So schwört mir nun beim Herrn, dass ihr meiner Familie die Treue haltet. Denn ich habe euch ja meine Treue erwiesen. Gebt mir ein sicheres Zeichen, dass mein Vater und meine Mutter am Leben bleiben, mein Bruder und meine Schwester mit ihren Familien. Rettet uns vor dem Tod!«
Da sagten die Männer zu ihr: »Wir bürgen für euer Leben mit unserem eigenen, wenn ihr unsere Sache nicht verratet. Das versprechen wir dir: Wenn der Herr uns das Land gibt, werden wir dir auch unsere Treue erweisen.«
Daraufhin ließ sie die Männer an einem Seil durch das Fenster hinab. Denn ihr Haus war in die Stadtmauer eingebaut, sie wohnte sozusagen in der Stadtmauer. Dabei sagte sie zu ihnen: »Geht zuerst ins Gebirge, damit die Verfolger euch nicht finden. Versteckt euch dort drei Tage lang, bis die Verfolger zurückgekehrt sind. Danach könnt ihr sicher euren Weg gehen.«
Die gottesfürchtigen Kundschafter sehen in der kanaanäischen Frau nicht die Hure. Sie erkennen in ihr Rahab. Sie reden mit ihr von Gleich zu Gleich. Ihr Handel, ihr Tauschgeschäft ist ein ehrlicher Handel, ein ehrliches Geschäft: „Du rettest uns aus der Hand der Leute von Jericho, wir retten dich aus der Hand der Leute von Israel.“
Aber auch die beiden Kundschafter sind nicht besonders schlau. Sie denken ihre eigene Lage nicht aus der Perspektive ihrer Feinde durch. Sie müssten doch wissen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Männer der Stadt ihre Verfolgungsjagd beenden und heimkehren, um die Stadt zu durchsuchen. Und nun wollen sie sich schlafen legen.
Rahab beweist Realismus. Sie redet sich nicht die Lage schön. Sie protzt nicht, wie die Männer aus ihrer Stadt. Sie weiß, dass die götzendienerischen Männer weiterhin gefährlich sind. Sie weiß aber auch: Der Herr hat das Schilfmehr für die Israeliten trockengelegt. Israel hat die Amoriterkönige Sihon und Og vernichtet.
Viele in Jericho verlieren den Mut. Aber die götzendienerischen Männer aus Jericho sagen: Wir verlieren doch nicht den Mut. Wir sind doch schlau. Wir wissen, wie man sich verteidigt.
Rahab ist Realistin. Sie hat Angst. Sie weiß, was für sie im Bereich des Möglichen ist und was nicht: Sie kann jetzt nur noch ihre eigene Familie retten, ihre Eltern und ihre Geschwister mit deren Familien. Mehr kann sie nicht tun. Und darauf konzentriert sie sich jetzt.
Rahab ringt den Kundschaftern ein Versprechen ab: Wenn ihr das Land erobert, dann verschont bitte mich und die Meinen. Und sie verschafft den Kundschaftern einen Fluchtweg über ein Fenster ihres Hauses, das Teil der Stadtmauer ist. Sie teilt den Kundschaftern mit, dass sie sie dort abseilen will. Die Geschichte fährt fort mit dem Gespräch, das sich nun entwickelt.
Die Männer sagten zu ihr: »Wir stellen dir noch eine Bedingung, damit der Schwur gilt, den du uns hast schwören lassen. Wenn wir in das Land zurückkommen,
musst du Folgendes tun: Befestige diese rote Schnur an dem Fenster, durch das du uns hinabgelassen hast. Dann nimm alle in dein Haus auf, deinen Vater, deine Mutter, deine Geschwister und wer sonst noch zur Familie gehört. Wer dann noch durch die Haustür hinausgeht, ist selbst für seinen Tod verantwortlich. Wir haben daran keine Schuld. Wer jedoch bei dir im Haus bleibt, für den sind wir verantwortlich. Es wird ihm nichts geschehen. Solltest du aber unsere Sache verraten, sind wir nicht mehr an den Schwur gebunden, den du uns hast schwören lassen.«
Da sagte sie: »Es gilt, was ihr gesagt habt!«
Sie schickte sie weg, und sie gingen fort. Dann befestigte sie die rote Schnur am Fenster.
Die gottesfürchtigen Männer tragen Rahab auf, dass sie sich und die Ihren kennzeichnet, damit sie geschützt bleiben. Wenn das Töten beginnt, sollen die Israeliten wissen, wen sie verschonen müssen. Vordergründig betrachtet bleibt die Geschichte schrecklich und grausam. Aber auch hier wieder ist die Perspektive der Frau, die sich selbst und den Ihren mit Weitsicht und Cleverness das Leben rettet, entscheidend.
Denn Rahab zeigt sich zudem als großmütig. Sie beweist Treue gegenüber ihrer Familie, Treue gegenüber denen, für die sie doch eigentlich eine Familienschande sein soll, zumindest nach der Logik der götzendienerischen Männer.
Wenn es nach der Logik des Alten Orient geht – und nicht nur des Alten Orient, dann hat sich Rahabs Familie längst von der verlorenen Tochter abgewendet, von der Hurentante: die Eltern, die Geschwister, ihre Ehemänner und deren Kinder. Umso größer wirkt Rahebs Treue zu denen, die sie vermutlich längst verstoßen haben. Rahab, die einsame, mittellose, missbrauchte Frau. Rahab, die mutige, großmütige, über alle Maßen treue Frau.
Denn ausgerechnet die Frau, die angeblich die Ehre ihrer Familie beschmutzt – sie ist es, die: dem Vater, der Mutter, den Geschwistern und ihren Familien das Leben rettet – „und denen, die sonst noch zur Familie gehören“.
Dem äußeren Anschein nach ist sie eine Hure. In der Stunde der Bewährung ist sie die mutige Rahab. Und genau diese Frau, deren Größe und Güte nicht in die Schablonen einer selbstgerechten Gesellschaft passen will, genau diese Frau erweist sich als besser als alle, die über sie urteilen. Diese Frau soll später sogar zur Ahnfrau des Königs David werden, sogar zur Ahnfrau des Erlösers und Messias Jesus von Nazareth – so erzählt es die Bibel.
Was erzählt die Geschichte über dich, über mich? Zunächst lädt sie dazu ein, dass ich mich mit der Heldin identifiziere. Sie lädt mich ein, dass ich in mir die kleine verzagte Person erkenne, die von den anderen gescholten und ausgegrenzt wird.
Und sie ermutigt dieses gescholtene und gedemütigte Ich: Kann doch sein, dass du auch irgendwann standhaft sein musst. Dass du auch irgendwann mutig sein musst. Und sieh mal: So wie die Rahab es anstellt, so kann es gelingen.
Der Theologie Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf ihn verlassen.“
Und unser Predigttext erzählt, dass die Schubladen, in die andere dich oder mich stecken, nicht passen. Ich mag vielleicht gar nicht sonderlich stark sein, sondern hilflos und den Launen der anderen ausgesetzt. Aber meine Schwäche muss nicht immer Ohnmacht sein. Gottes krumme Wege mit mir können manchmal große Überraschungen bereithalten. Hab Geduld. Und sei wachsam.
„Lass dir an meiner Gnade genügen“, hörte der Apostel Paulus einmal Gott sagen: „Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Amen.
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