09/12/2025 0 Kommentare
Haltet unverdrossen an der Liebe fest!
Haltet unverdrossen an der Liebe fest!
# Predigt

Haltet unverdrossen an der Liebe fest!
Sie kann, was kein Gebot kann: dich zu einem besseren Menschen machen. Predigt am Ersten Advent, 30.11.2025 von Pfr. Weitz
Liebe Gemeinde!
Der Predigttext für den heutigen Sonntag ist ein Ausschnitt aus dem Brief, den der Apostel Paulus an die Römer geschrieben hat. Er handelt von der Macht der Liebe, wie sie stärker ist als alle Gebote, die bisher galten.
Gebote sind wie gute Vorsätze. Und wir werden immer tausend Gründe finden, warum dieses oder jenes Gebot jetzt gerade nicht gilt. Oder warum man es eigentlich ganz anders verstehen muss, nicht wörtlich, sondern übertragen. Oder warum es eigentlich nur früher in einer bestimmten Situation galt – und jetzt eben nicht mehr. Gebote machen uns nicht zu besseren Menschen. Im Gegenteil: Für jedes Gebot finden wir 1000 Ausflüchte. Die Liebe ist mehr als Gebote. Sie ist wie das anbrechende Tageslicht, schreibt Paulus. Sie kommt gewiss, sie ist nicht aufzuhalten.
Der Predigttext für den ersten Advent setzt den Maßstab für das, was noch kommen soll, wenn Christus einmal geboren ist, wenn Gott einmal Mensch geworden ist. Ich freue mich an dem fast schon naiven Optimismus des Apostels Paulus, und ich wünschte, ich könnte seine Hoffnung bedenkenlos teilen und ihm voll und ganz und ohne Wenn und Aber zustimmen.
Ich wünschte es wirklich. Und deshalb will ich in dieser Predigt versuchen, die Liebe stark zu machen. Ich möchte drei Gründe nennen, warum diese Liebe tatsächlich größer ist als alle Gebote. Warum die Liebe das Zeug hat, uns in den Bann zu ziehen, uns zu verändern. Aber erst lese ich den Ausschnitt aus dem Römerbrief vor, der heute unser Predigttext ist,
Römer 13,8-12, da schreibt Paulus:
Bleibt niemandem etwas schuldig, außer, einander zu lieben! Denn wer seinen Mitmenschen liebt, hat das Gesetz schon erfüllt. Dort steht:
»Du sollst nicht ehebrechen!
Du sollst nicht töten!
Du sollst nicht stehlen!
Du sollst nicht begehren!«
Diese und all die anderen Gebote sind in dem einen Satz zusammengefasst: »Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!« Wer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts Böses an. Darum wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt.
Ihr wisst doch, dass jetzt die Stunde schlägt! Es ist höchste Zeit für euch, aus dem Schlaf aufzuwachen. Denn unsere Rettung ist näher als damals, als wir zum Glauben kamen. Die Nacht geht zu Ende, der Tag bricht schon an. Lasst uns alles ablegen, was die Finsternis mit sich bringt. Lasst uns stattdessen die Waffen anlegen, die das Licht uns verleiht.
Ich habe drei Gründe angekündigt, warum Liebe tatsächlich größer ist als alle Gebote. Aber ich möchte auch hinzufügen: Zu jedem dieser Gründe gehört ein Missverständnis, deshalb muss ich auch zu jedem dieser Gründe dazu sagen, wie man ihn falsch verstehen kann. Liebe ist etwas Delikates. Und wir dürfen sie nicht totreden und von uns wegschieben, wie wir die Gebote totreden und von uns wegschieben.
Liebe stärker als alle Gebote habe ich vollmündig gesagt. Vielleicht fange ich erstmal an mit der Behauptung: Liebe ist anders als alle Gebote. Gebote kann man tun, Liebe kann man nicht tun. Liebe kommt, sie ist da. Liebe ist Gnade.
Einer meiner Theologieprofessoren hat früher, in der Zeit meines Studiums, anhand einer erkalteten Ehe zu beschreiben versucht, was eigentlich Gnade ist, und warum Gnade etwas anderes als Gebote und gute Vorsätze sind. Er erzählte von einem Ehepaar, von zwei Menschen, die einander schon längst nicht mehr lieben, aber die sich bemühen, um ihre Ehe zu retten.
Sie überbietet sich mit Freundlichkeiten. Und sie verfällt dabei in einen verhätschelnden, bemutternden Ton, den er hasst. Und er quält sich mit Geschenken, schreibt sich in seinen Kalender, dass er ja noch etwas für sie kaufen wollten. Aber ihm fällt nichts ein, und dann kauft er doch irgendetwas, was sie bitter enttäuscht.
Beide bemühen sich, aber im Grunde ist ihre Liebe erkaltet. Mein Theologieprofessor wollte damit sagen: Liebe lässt sich nicht erzwingen. Man kann sie sich nicht erarbeiten. Sondern sie ist da, sie stellt sich ein – oder auch nicht.
Ich meine, dass in diesem Beispiel etwas Wahres liegt. Aber es liegt auch ein Missverständnis darin. Dieser Theologieprofessor blickte auf vier geschiedene Ehen zurück. Und vielleicht diente ihm seine Theologie auch als Ausrede, um nicht an seinen Beziehungen arbeiten zu müssen. Vielleicht hat er sich mit diesem Beispiel seine eigene Unfähigkeit zu lieben schöngeredet.
Dennoch, es stimmt: Liebe ist Gnade, Liebe ist ein Geschenk, und wir können sie nicht erzwingen. Und wir müssen aufpassen, wenn wir an unseren Beziehungen arbeiten, dass wir nicht am Wesentlichen vorbeiarbeiten.
Denn, und damit komme ich zum zweiten Punkt: Der oder die Liebende kann sich die Liebe nicht verdienen. Martin Luther hat zu seinem hochanständigen Mitstreiter Philipp Melanchthon einmal gesagt, er solle doch mal richtig sündigen.
„Pecca fortiter sed fortius fide“ – sündige stark, aber glaube noch mehr.
Das klingt schockierend. Stiftete Martin Luther andere Leute etwa an, Böses zu tun? Hinter dem, was vordergründig mies erscheint, steht ein Bemühen um Selbsterkenntnis:
Sei ruhig ein guter Mensch, lieber Melanchthon. Verausgabe dich gerne für andere. Sei immer hilfsbereit. Aber wenn du schon so hochanständig bist, glaube nicht, dass du deshalb geliebt bist. Schlag doch auch mal über die Stränge, Melanchthon! Trau dich doch mal, deine andere Seite zu zeigen! Setz den anderen ruhig mal eine Grenze und verhalte dich schroff. Denn nicht, weil du so ein guter und anständiger Mensch bist, wirst du geliebt. Sondern du wirst geliebt, weil du geliebt bist. Weil es keinen Grund geben muss, dich zu lieben. Erkenne das doch endlich mal, lieber Melanchthon!
Luther wollte damit sagen: Liebe ist nur dann Liebe, wenn sie über das Versagen hinwegzusehen bereit ist. Liebe beweist sich dann als Liebe, wenn sie selbst in dem hässlichsten und bösartigsten Gesicht, das du zeigen kannst, deinen liebenswürdigen Kern erkennt. Deshalb vergleicht Jesus die göttliche Liebe auch immer mit der elterlichen Liebe, mit der Liebe, die über alles hinwegzusehen bereit ist – so sehr über alles hinwegzusehen bereit, dass andere davon schon genervt sind. Aber das ist die Liebe, die dich letztlich durchs Leben trägt. Das ist die Liebe, die dich hält, wenn es dir einmal so richtig dreckig geht.
Und auch hier gilt es, dem Missverständnis zu wehren. Luthers Aufforderung zu sündigen soll man nicht überbewerten.
Ich habe einmal einen Mann kennengelernt, dessen Mutter gestorben war, und er erzählte mir von der psychotischen Beziehung seiner Mutter, die eine Borderline Persönlichkeit hatte und von Kindesbeinen an seine Liebe austestete: Wie weit hält die Liebe meines Kindes? Sie war ekelig zu ihrem Sohn, und er verstand sie nie. Zum Glück verlor er darüber nicht den Verstand. Sondern als Erwachsener lernte er, die Beziehung zu seiner Mutter zu analysieren und er kam dahinter, dass hinter all dem bösartigen und verletzenden Verhalten seiner Mutter eigentlich der Schrei nach Liebe stand.
Liebe ist ein Geschenk. Vielleicht das Größte Geschenk, das wir in unserem Leben bekommen. Wir müssen uns die Liebe schenken lassen, sie lässt sich nicht erzwingen – aber das soll uns nicht daran hindern, an ihr zu arbeiten.
Liebe ist das, was dich durchs Leben trägt, selbst wenn es dir superdreckig geht. Liebe hält vieles aus. Liebe hält dich aus, wenn du einmal ganz hässlich aussiehst – aber das darf dich nicht dazu animieren, die Liebesfähigkeit deines Gegenübers zu strapazieren und auszutesten.
Und es kommt noch ein Drittes hinzu: Liebe setzt Freiheit voraus. Ich kann nur jemanden lieben, wenn ich ihn freigebe. Wenn ich jemanden kontrolliere oder maßregele oder erziehe, dann liebe ich nicht. Sondern ich projiziere auf den anderen, was ich gerne von ihm hätte. Ich versuche, den anderen nach meinem Gusto umzugestalten. Das ist keine Liebe. Das ist versteckte Aggression.
Ein Paar das ich kenne, das schon als Jugendliche zusammenkam, hat mir einmal in vorbildlicher Weise vorgelebt, was es heißt, jemanden in der Liebe freizugeben. Sie wohnte vorübergehend bei uns in der WG in Hamburg, weil sie dort ein Praktikum absolvieren wollte. Er war an seinem Studienort in Süddeutschland geblieben. Sie wurde bei uns in der WG von einem anderen Studenten umgarnt, der dort sein medizinisches Praktikum absolvierte. Und sie erlebte etwas, was ihr in ihrer langjährigen Beziehung nicht mehr so stark vorkam – die anfängliche Verliebtheit. Aber sie konnte nicht einfach untreu werden. Und als ihr Freund einmal zu Besuch da war, sagte sie ihm das: dass sie gerne mal ausprobieren würde, wie das ist mit einem anderen Mann zusammen zu sein. Er sagte sofort auf seine liebevolle Weise: „Ja, mach das doch mal, probier das doch mal aus, wenn du meinst, dass das gut für dich ist.“ – Damit war die Liebelei vergessen. Das ist nun über 35 Jahre her. Die Liebe der beiden hält noch heute.
Liebe ist, wenn ich mein Gegenüber freigebe. Wenn ich ihm das Schönste gönne, was ihm guttut. Wenn ich mich zurücknehme und lieber erleide, als dem anderen einen Verzicht aufzuzwingen.
Und auch darin liegt wieder ein Missverständnis, dem man wehren muss. Liebe ist keine Gleichgültigkeit. Sondern Liebe ist Mitgefühl. Liebe erwächst keinem Trieb, Liebe erwächst keinem Eros. Sondern sie erwächst der Erkenntnis des anderen:
Ich sehe dich. Ich erkenne deine Bedürfnisse. Ich weiß, was dir guttut. Ich weiß, wie gut dir tut, was ich dir schenke. Und deshalb verschenke ich mich dir – ohne Rücksicht auf mich selbst.
Der Apostel Paulus hat erfahren, dass dieses Geschenk der Liebe, das dich durch alle Krisen hindurchträgt und dich freimacht, in Jesus Christus Wirklichkeit geworden ist.
Jesus Christus hat in der Art, wie er gelebt hat und wie er gestorben ist, dieser Liebe Gottes Raum geschaffen. Er hat Gottes Liebe vorgelebt: Er hat diese Liebe freimütig verschenkt. Er hat andere mit seiner Liebe gestärkt und aufgerichtet. Und er hat sich selbst aus Liebe ganz hingegeben und nicht einmal sein Leben geschont.
„Daran kann man doch nicht vorbeisehen!“, sagt Paulus.
Und ich möchte Paulus nicht widersprechen, auch wenn ich weiß, welche Einwände ihr jetzt haben mögt. Dass selbst diese Botschaft Jesu Christi vor den falschen Karren gespannt werden kann. Und dass reiche und selbstsüchtige Männer und Frauen, aber vor allem superreiche Männer, alles tun, um jedes Mitgefühl auszublenden, jede Mitmenschlichkeit auszublenden, nur um sich schamlos zu bereichern. Wir armselig!
Ja, ich sehe das. Aber heute ist der erste Advent. Und ich möchte dem Apostel Paulus das Wort reden. Und ich möchte an diese Macht der Liebe erinnern und euch bitten: Haltet unverdrossen an dem fest, was in Jesus Christus Wirklichkeit wurde, was mitten unter uns wohnte, und dessen Herrlichkeit gesehen und bezeugt wurde.
Denn unsere Rettung ist näher als damals, als wir zum Glauben kamen. Die Nacht geht zu Ende, der Tag bricht schon an.
Lasst uns alles ablegen, was die Finsternis mit sich bringt.
Lasst uns stattdessen die Waffen anlegen, die das Licht uns verleiht.
Amen.
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