09/12/2025 0 Kommentare
Gottvertrauen
Gottvertrauen
# Predigt

Gottvertrauen
Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Der dem du vertrauen kannst: Deinem Schöpfer. Dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Dem lebendigmachenden Geist. Predigt von Vikar Michael Rydryck am Totensonntag, 23.11.2025
Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Evangelium nach Johannes, im 5. Kapitel:
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurch gedrungen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören, die werden leben. Denn wie der Vater das Leben hat in sich selber, so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben zu haben in sich selber; und er hat ihm Vollmacht gegeben, das Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist. Wundert euch darüber nicht. Es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden, und es werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.
Dem Evangelisten Johannes geht es um Leben und Tod. Was ist wichtig im Leben und im Sterben? Was trägt dich, wenn du vor dem Abgrund stehst? Was kannst du noch tun, wenn du dich allein und ohnmächtig fühlst? Nicht ohne Grund lautet die erste und wichtigste Frage im Heidelberger Katechismus: Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?
Im Leben streben wir nach Anerkennung und Wohlstand, nach einer guten Position, nach Erfolg und manche streben nach Macht. Zu oft leben wir, um zu arbeiten, arbeiten, um irgendwann endlich so leben zu können, wie wir es uns vorstellen. Wir arbeiten und vergessen zu leben. Die Arbeit gibt im Alltag unserem Leben einen Sinn. Doch Erfolge sind brüchig, mit Geld kommen auch Sorgen und auf die Arbeit folgt irgendwann der Feierabend und später der Ruhestand. Wenn wir still werden und mit uns selbst allein sind: Was gibt dann unserem Leben Halt, Geborgenheit und einen Sinn? Eine ganz kurze Geschichte hat sich mir in diesem Zusammenhang eingeprägt:
Ein Mann sitzt in seinem Arbeitszimmer. Sein Sohn kommt überraschend hinein und da findet er ihn, allein im Dunkeln sitzend, mit Tränen in den Augen. Der Sohn fragt seinen Vater natürlich, was er hat, und der Vater sagt: „Meine Schuhe sind mir viel zu eng, aber das spielt gar keine Rolle, weil ich schon seit langer Zeit vergessen habe, wie man tanzt.“
Vor lauter Arbeit vergessen zu leben, vergessen, was wirklich wichtig ist im Leben. Stress macht krankt. Er lässt kaum Zeit für die Kinder, für Erholung und Unbeschwertheit. Vor lauter Pflichten vergessen, wie man tanzt. Ein Held der Arbeit… Soll das alles gewesen sein? Der Psalmist sagt: Der Mensch in Pracht, doch ohne Einsicht, er gleicht dem Vieh, das verstummt. Lass dich nicht beirren, wenn einer reich wird und die Herrlichkeit seines Hauses sich mehrt; denn im Tod nimmt er das alles nicht mit, seine Herrlichkeit steigt nicht mit ihm hinab. Preist er sich im Leben auch glücklich: Man lobt dich, weil du es dir wohl sein lässt, so muss er doch zur Schar seiner Väter hinab, die das Licht nicht mehr erblicken. Der Mensch in Pracht, doch ohne Einsicht, er gleicht dem Vieh, das verstummt.
Was also ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?
König Saul ist alt geworden. Und er hat viel erreicht. Ein Reich hat er geschaffen, Kriege geführt und seine Gegner immer wieder besiegt. Jetzt ist er müde. Unruhe erfüllt seine schlaflosen Nächte, Sorgen und Schwermut verdunkeln seine Tage. Saul hat Angst vor der Zukunft. Doch wem kann er vertrauen, bei wem kann er Rat und Hilfe finden? Die Antwort ist bitter: Keinem Lebenden vertraut er, bei niemandem findet seine Seele zur Ruhe. So wendet er sich schließlich an die Toten und lässt den Geist seines Mentors, den Propheten Samuel, aus der Unterwelt heraufbeschwören. Was hatte sich Saul erhofft? Trost? Worte, die ihm die Angst vor der Zukunft nehmen? Wünschte er sich Halt in seiner dunkelsten Stunde? Doch der Geist des Propheten Samuel ist schonungslos ehrlich: Sauls Schicksal ist besiegelt. Seine Feinde werden über ihn kommen und er wird den Tod finden. Aus Macht wird Ohnmacht, aus Stärke Verzweiflung. Angst lähmt sein Herz. Saul steht allein da. Niemand kann ihm jetzt noch helfen. Nur die Frau, die er aufgesucht hat, erbarmt sich seiner. Auch sie kann nichts tun, um das Schicksal des Königs zu ändern. Aber sie hat Mitgefühl mit dem Mann. Sie bittet Saul etwas zu essen, wieder zu Kräften zu kommen und gestärkt seinem Schicksal entgegen zu gehen. Saul isst sein Mahl, steht auf und geht in seinen letzten, aussichtslosen Kampf: „Noch einmal stürmt, noch einmal, liebe Freunde!“ Todesmut und Resignation erfüllen Sauls Herz.
Manchmal kann man nicht mehr zurück, sondern einfach nur noch vorwärts gehen. Im Vertrauen auf Gott, im Vertrauen auf sein Erbarmen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer Gottes Wort hört und dem vertraut, der Jesus Christus gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tod zum Leben hindurch gedrungen.
Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?
Jesus selbst weiß, dass es zu Ende gehen wird. Irgendwie hat er es immer gewusst. Seine Feinde werden ihn festnehmen, sie werden ihn foltern und töten; seine Freunde werden ihn verlassen und verleugnen; niemand wird etwas tun, um ihn zu retten. Und Gott wird schweigen. Was ist nun dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Jesus sitzt ein letztes Mal mit seinen Freunden zusammen und isst das Passamahl. Etwas Brot, ein Schluck Wein, ein paar letzte Worte. Als er nach dem Essen allein im Garten ist, ergreift ihn Todesangst. Angst vor dem Leiden, Angst vor dem Sterben, Angst vor der Finsternis. Jesus ist ein Mensch wie wir. Und er betet. Zu Gott, seinem Vater: Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber!
Wie oft habe ich schon selbst so gebetet? Doch Gott gibt Jesus keine Antwort. Jesus vertraut auf Gott und bleibt allein. Manchmal kann man nicht mehr zurück, sondern einfach nur noch beten. Manchmal kann man nur noch beten, selbst dann, wenn man Gottes Nähe nicht spürt, selbst dann, wenn man nicht einmal glaubt, dass es ihn gibt: Vater in deine Hände lege ich voll Vertrauen mein Leben! Rette mich aus der Hand meiner Feinde! Gib mich nicht dem Leiden und dem Tod preis!
Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?
Im Jahr 1912 sinkt das Passagierschiff Titanic:
Es ist eine kalte und dunkle Nacht. Der Eisberg war im Nebel kaum zu sehen, das Knirschen beim Aufprall ohrenbetäubend und jetzt ist alles zu spät. Alle rennen um ihr Leben und versuchen einen Platz in den Rettungsbooten zu bekommen. Doch schnell wird klar: Es sind niemals genug Boote für alle da. Und Hilfe ist zu weit entfernt. Das Meer ist eiskalt und das Schiff sinkt rasend schnell. Manche schaffen es in die Boote. Die anderen, Matrosen, Ingenieure, Küchenpersonal, Reiche und Arme, wissen, dass sie sterben werden. Voller Hoffnung waren sie in die neue Welt aufgebrochen; jetzt gibt es keine Hoffnung mehr.
Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?
Die Musikkapelle auf dem Schiff spielt bis zum Ende. Sie sollen die Passagiere beruhigen. Ganz am Schluss, am Ende der Reise, lässt der Leiter der kleinen Kapelle einen Choral anstimmen. Acht Musiker spielen in bitterer Kälte, in tiefster Nacht, den Untergang vor Augen, ein Lied: „Näher, mein Gott, zu Dir, näher zu Dir…“ Viele singen mit, beten die Worte, klammern sich aneinander bei den vertrauten Klängen der Musik.
Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören, die werden leben.
Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?
Was gibt dir Halt, wenn Du den Boden unter den Füßen verlierst? In wen setzt du dein Vertrauen, wenn alle Stricke reißen? Wenn du am Ende deiner Möglichkeiten angekommen bist? Wem kannst du dich dann noch anvertrauen? Gott, ich bin froh, dass du bei uns bist, am Ende aller Dinge.
Christ zu sein heißt nicht, an dieses oder jenes zu glauben. Es geht nicht um Kirchenmitgliedschaft, Nachbarschaftsräume und Dogmen. Es geht ganz einfach um Vertrauen. Glauben heißt nicht glauben anirgendetwas, sondern vertrauen auf etwas, auf jemanden. Es geht um die Frage: Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?
Der Evangelist Johannes spricht von diesem Vertrauen, wenn er Jesus sagen lässt: Wer mein Wort hört und dem vertraut, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurch gedrungen.
Wir selbst sprechen von diesem Vertrauen, wenn wir im Glaubensbekenntnis sagen:
Ich vertraue auf Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Auch wenn ich keinen Ausweg mehr sehe. Ich vertraue auf Jesus Christus, Gottes Sohn, der gelitten hat unter Pontius Pilatus, der gekreuzigt wurde, der gestorben ist und begraben wurde wie wir; der selbst hinabgestiegen ist in das Reich der Todes, der aber am dritten Tag auferweckt wurde von den Toten. Ich vertraue darauf, dass er kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten. Weil dann Gerechtigkeit herrschen wird. Ich vertraue auf den Heiligen Geist, der lebendig macht und mir Halt gibt. Auch in meinen dunkelsten Stunden. Ich vertraue auf die christliche Kirche, selbst wenn sie, Gott weiß, nicht immer so ist, wie ich es mir erhoffe. Ich vertraue auf die Vergebung meiner Sünden und hoffe, dass ich auch anderen vergeben kann. Ich vertraue auf die Auferweckung der Toten und auf ein ewiges Leben.
Mit diesem Vertrauen kann der Prophet sagen:
Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt. Amen.“
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