Farben des Regenbogens

Farben des Regenbogens

Farben des Regenbogens

# Predigt

Farben des Regenbogens

Zeichen der Hoffnung in einer gebrochenen Welt. Predigt am 2. November 2025 von Pfr. Burkhard Weitz


Liebe Gemeinde, 

wer einen christlichen Kindergarten besucht hat, wer als Kind biblische Geschichten gehört hat, in der Schule biblische Geschichten gelesen hat oder im Konfi-Unterricht etwas aus der Bibel mitgenommen hat, trägt Bilder in sich. Und zu diesen Bildern, die ich selbst als Kind aufgesogen habe, gehört das von dem Schiff, der Arche, die Noah gebaut hat, wie sie mit all den Tieren auf den Wellen der Sintflut tänzelt und schaukelt – mit all den Tieren, die Noah vor dem Untergang in der großen Flut rettet. 

Das Bild der Taube gehört dazu, die man so oft abgebildet sieht, die Taube, die mit einem Ölzweig im Schnabel bestätigt, dass die Sintflut vorbei ist und wieder Bäume aus dem Wasser ragen. Und der Regenbogen gehört dazu. 

Als Kind staunt man über das Wunder des Regenbogens, und viele Kindererzählungen handeln ja auch von diesem Bogen: Dass er ein Tor irgendwohin sei. Oder eine Brücke, über die man irgendwohin kommt. In der biblischen Erzählung von Noah ist der Regenbogen ein Symbol des Friedens, und mit dieser Bedeutung sehen wir den Regenbogen häufig abgebildet. Bilder, wie diese, regen die kindliche Phantasie an, sie prägen sie. 

Später kommt die wissenschaftliche Betrachtungsweise dazu: Dass das Licht in den Tropfen nach seinen Farbbestandteilen aufbricht und so die Regenbogenfarben zustande kommen. Und dann fällt einem auf, dass sich ja auch Regenbögen bilden, wenn man mit Wasser gegen das Sonnenlicht prustet. 

Die Bilder aus der Kindheit sind stark. Sie wirken bis ins Erwachsenenalter nach. Ähnlich stark wirkt auf manche von uns die Verheißung am Ende der Noah-Geschichte: dass „solange die Erde besteht, Saat und Ernte nicht aufhören werden, auch nicht Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“. Auf manche von uns, wenn wir das hören, wirken diese Worte ungemein beruhigend, tröstend und aufbauend.  

Heute kommt der Predigttext aus dem 1. Buch Mose, und er deckt genau diese Szene ab, wie Noah mit seiner Familie und den Tieren die Arche verlässt. Wie das Leben weitergeht und neue Hoffnung aufblüht auf eine bessere Erde. Ich lese den Predigttext vor, Erstes Buch Mose 8,18-22; 9,12-17 in der Übersetzung der Basisbibel: 


Da ging Noah hinaus – mit seinen Söhnen, seiner Frau und den Frauen seiner Söhne. Dann kamen alle Tiere, alles, was kriecht, und alle Vögel. Alles, was sich auf der Erde regt, zog nach Arten geordnet aus der Arche hinaus.

Noah baute einen Altar für den Herrn. Von den reinen Tieren und den reinen Vögeln brachte er einige auf dem Altar als Brandopfer dar. Der Geruch stimmte den Herrn gnädig und er sagte zu sich selbst: »Nie wieder will ich die Erde wegen der Menschen verfluchen. Denn von Jugend an haben sie nur Böses im Sinn. Nie wieder will ich alles Lebendige so schwer bestrafen, wie ich es getan habe.

Solange die Erde besteht, werden nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.«

Weiter sagte Gott: »Ich schließe diesen Bund mit euch und mit allen Lebewesen bei euch. Er gilt für alle künftigen Generationen. Und dies ist das Zeichen, das an den Bund erinnern soll: Ich setze meinen Bogen in die Wolken. Er soll das Zeichen sein für den Bund zwischen mir und der Erde. Wenn ich Wolken über der Erde aufziehen lasse, erscheint der Bogen am Himmel. Dann denke ich an meinen Bund mit euch und mit allen Lebewesen. Nie wieder soll das Wasser zur Sintflut werden, um alles Leben zu vernichten. Der Bogen wird in den Wolken stehen. Wenn ich ihn sehe, denke ich an den ewigen Bund Gottes mit allen Lebewesen – mit allem, was auf der Erde lebt.«

Gott sagte zu Noah: »Dieser Bogen ist das Zeichen des Bundes, den ich mit allen Lebewesen auf der Erde geschlossen habe.«


Im Konfirmandenunterricht haben wir vor den Herbstferien die Geschichte von der Arche Noah zergliedert und festgestellt, dass sie aus zwei vollständigen Erzählsträngen besteht, die ineinander verwoben werden. Der eine Erzählstrang erzählt, wie Noah jeweils ein Tierpaar von jeder Art auf die Arche lässt; der andere erzählt, wie er sieben Paar reine Tiere und jeweils ein Paar unreine Tiere auf die Arche lässt. 

Unsere Konfis wissen also, dass Noah – wenn er am Ende einen Altar baut, auf dem er reine Tiere opfert – keine Tierart vollständig ausrottet. Sie wissen, dass man diesen Teil der Geschichte dem zweiten Erzählstrang zuordnen muss, bei dem sieben Paar von den reinen Tieren gerettet werden, also noch genügend zur Fortpflanzung übrig bleiben.  

Aber warum opfert Noah überhaupt? Warum duftet der Geruch verbrannten Fleisches und Fettes so lieblich für Gott? Hatte Gott nicht ursprünglich angeordnet, dass keine Tiere getötet und alle Lebewesen sich von Pflanzen ernähren sollen? So lesen wir es jedenfalls in der Schöpfungsgeschichte. 

Nein, die Welt nach der Sintflut ist keine heile Welt. Sie entspricht nicht der ursprünglichen Schöpfungsordnung, die Gott am Anfang der Bibel schafft. Die Welt nach der Sintflut ist unsere gebrochene Welt, in der wir mit Brüchen und Widersprüchen leben müssen. 

Immerhin erzählt die Geschichte von der Arche Noah, dass es so etwas wie einen Neubeginn gibt. Und dafür muss Noah, muss seine Familie, müssen alle Tiere raus aus der sicheren Hülle der Arche. In der Welt, mit der Gott noch einmal neu anfängt, gibt es Böses. Menschen wollen sich mit Opfern vor Gott absichern. Menschen töten. Menschen machen sich unempfindlich gegen das Leid anderer Geschöpfe. Menschen misstrauen einander, überziehen einander mit Missgunst und Neid, mit Habsucht und Gier. 

Aber Gott beschließt: Es soll keine Strafe mehr geben, die über die Erde hereinbricht, um sie zum Besseren zu erziehen. Denn das funktioniert nicht, die Menschen lassen sich nicht erziehen. Sondern Gott gewährt ihnen ihre Freiheit. Gott gibt sich mit der gebrochenen Welt zufrieden. Er schließt mit dieser gebrochenen Welt sogar einen Bund. Und er schenkt ihr ein Zeichen zur Erinnerung an diesen Bund: den Regenbogen. 

Auch bei mir hat sich dieses Zeichen in mein Denken eingraviert. Für mich ist der Regenbogen mehr als ein Prismeneffekt, generiert durch kleine Wassertröpfchen, die das Licht in seine Grundbestandteile brechen. Für mich sind Farben mehr als die Bestandteile der Farbe Weiß. 

Für mich ist der Regenbogen ein Friedenszeichen zwischen Himmel und Erde. Er ist eine Verheißung, dass es in dieser gebrochenen Welt Schönheit gibt. Dass über dieser gebrochenen Welt eine Verheißung steht. Und jede Farbe steht für einen der vielen schönen Aspekte des Lebens:
rot für die Leidenschaft,
blau für die Ewigkeit,
grün für das Leben,
gelb für das Licht. 

Ja, es gibt Zank, Ärger, Streit. Es gibt Missgunst, Herabsetzung, Vandalismus. All das gibt es, und doch ist unsere Welt mit Schönheit und Liebe erfüllt. Und wir sollen bei allem Ärger über das Eine den Blick für das Andere nicht verlieren. Und deshalb gehen wir gleich – wie Noah einst – heraus aus unserer Hülle. Wir gehen vor die Kirche. Und selbst wenn das Wetter nicht perfekt mitspielt, wir genießen die Schönheit der Formen unserer neuen Sitzlandschaft, die die geschwungenen Jugendstilrundungen unserer schönen Friedenskirche aufnimmt, die mit ihren Gelbtönen die Licht-Farben der Friedenskirche aufnimmt. Wir genießen jede Regenbogenfarbe auf der Sitzlandschaft. Wir lauschen auf die Musik, die uns ein Trio darbieten wird. Wir schauen in den Himmel. Und vielleicht reißt die Wolkendecke ja mal auf. Vielleicht tröpfelt es irgendwo. Und vielleicht bekommen wir ja einen Regenbogen zu sehen – Gottes Zeichen, dass über dieser gebrochenen Schöpfung doch eine Verheißung steht. Dass wir hoffen dürfen, dass wir glauben und lieben dürfen. Und dass dieses Leben, bei aller Gebrochenheit, bei allem Elend, das wir sehen, und bei aller Bosheit, die wir erleben, doch eigentlich bezaubernd und wunderschön ist – so wie die Farben des Regenbogens am Himmel. Amen. 

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