Wo Leben gedeihen kann

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Wo Leben gedeihen kann

# Predigt

Wo Leben gedeihen kann

... und was das Wachstum verhindert. Wir kennen beides; warum missachten es die Tech-Milliardäre und Öl-Prinzen? Predigt zum Erntedankfest am 5.10.2025 von Vikar Michael Rydryck


Liebe Gemeinde, 

der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Buch des Propheten Jesaja, im 58. Kapitel:

Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne.

Wachsen, stark werden, aufatmen und aufblühen… Gerecht teilen, heilen, was verletzt ist, wieder aufrichten und aufbauen, was gefallen ist… 

Die ersten Wochen meines Vikariats habe ich in der Grundschule verbracht. Lernende, lachende und lärmende Kinder, wohin man auch schaut. Letzten Donnerstag hatte ich auch das erste Mal Gelegenheit, am Entdeckerklub teilzunehmen. Wir haben gesehen und gefühlt, erkundet und geschmeckt wie aus Samen und Früchten neues Leben wächst. Und ich musste selbst einmal mehr staunen, wie wunderbar und schöpferisch das Leben auf unserer Erde ist. Leben ist Wachsen. Gott gibt uns die Gelegenheit dazu. Wachsen ist nicht immer nur einfach. Und es braucht gute Rahmenbedingungen, damit Leben wachsen und gedeihen kann. Das gilt für Pflanzen ebenso wie für Menschen. Was lässt uns wachsen? Und was hindert uns daran, zu wachsen? Was lässt uns leben? Und was hindert uns daran, zu leben? Was bedrückt und hemmt uns? Und was befreit uns und lässt uns aufatmen? 

Das sind große Fragen und doch kennen wir eigentlich die Antworten, haben sie schon immer gekannt, seit Menschen auf der Erde leben. Und auch der Predigttext weiß darum, was Menschen zum Leben brauchen und was sie am Leben hindert: 

Hunger und Armut erdrücken das Leben. Gewalt und Krieg vernichten die Grundlagen, die wir zum Leben brauchen, ebenso wie Ausbeutung und Raubbau an der Natur. Wo Menschen ungerecht behandelt und kleingemacht werden, da können sie nicht wachsen. Deshalb ruft Jesaja aus: Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

Gott hat uns alle geschaffen – Pflanzen, Tiere und Menschen. Wir sind seine Geschöpfe. Und wir sehnen uns alle nach einem Leben in Fülle. Aber dafür brauchen wir Bedingungen, die uns gestatten, gut zu leben. Gerechtigkeit und Anerkennung. Sicherheit und Wohlstand. Freiheit und Frieden.

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.

Wenn ich Nachrichten schaue oder Zeitung lese, scheint es mir, als würden die Großen dieser Welt diese einfachen Wahrheiten allzu oft vergessen. Die Tech-Milliardäre und Ölprinzen, die macht-hungrigen Politiker in Ost und West, die Kriegs-herren und Kriegsgewinnler. Sie verlieren aus den Augen, was im Leben und für das Leben wichtig ist. Sie bereichern sich auf Kosten des Lebens und der Schöpfung, so, als gäbe es keinen Gott, so, als wären ihnen ihre Mitgeschöpfe gleichgültig, so, als würde das Leben der einfachen Menschen für sie keine Rolle mehr spielen. Doch Gerechtigkeit und Anerkennung, Sicherheit und Wohlstand, Freiheit und Frieden spielen die entscheidende Rolle. Denn es gibt keine niedrigen Geschöpfe auf dieser Erde, sondern nur Geschöpfe, die Gott liebt. Und es gibt keine kleinen Leute, deren Lebensbedingungen unwichtig wären oder deren Leben keine Rolle spielt. Wir alle zählen. Wir alle verdienen ein Leben in Fülle und eine Chance zu wachsen. Victoria, die Hauptfigur in einem Roman von Agatha Christie bringt das auf den Punkt. Im Angesicht von Weltherrschaftsplänen einer kleinen, rücksichtslosen Elite richtet sie den Blick auf das, was wirklich wichtig ist im Leben:

Das waren doch fraglos die Dinge, die eine Rolle spielten – die kleinen alltäglichen Dinge, die Familie, für die gekocht werden musste, die vier Wände, die das Zuhause umschlossen, die ein, zwei wie Schätze gehüteten Besitztümer. All die Millionen gewöhnlichen Menschen, die die Erde bevölkerten, sich um ihre Angelegenheiten kümmerten, die den Boden bestellten und töpferten und Familien ernährten und lachten und weinten, die am Morgen aufstanden und sich am Abend zur Ruhe legten. Sie waren die Menschen, die eine Rolle spielten… 
(zitiert aus: Agatha Christie, Sie kamen nach Bagdad, Atlantik Verlag, 3. Auflage, Hamburg 2024, S. 291-292)

Gott liebt die Menschen, die Armen wie die Reichen, die Starken wie die Schwachen, die Alten wie die Jungen. Ihnen allen ermöglicht er tagtäglich das Leben. Und nichts weniger sollten wir tun.

Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

Wenn ich mir im Alltag unsere Kinder ansehe, dann sehe ich ganz klar, was wir zum Leben und zum Wachsen brauchen und was uns daran hindert: Streit und Ungerechtigkeit, Armut und Bedrückung machen das Leben klein und das Wachsen fast unmöglich. Aber die Freiheit zu wachsen und zu lernen, zu entdecken und zu spielen; helfende Hände und anerkennende Worte; Nahrung für Körper, Geist und Seele; liebevolle Blicke, Verständnis und Vertrauen, all das gibt uns und unseren Kindern Raum, lässt uns atmen, wachsen und leben. Und dafür danken wir heute. Für alles, was uns wachsen, leben und frei sein lässt, danken wir Gott. Um alles, was uns und anderen fehlt, bitten wir Gott. Amen.

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