12/01/2026 0 Kommentare
Die dunkelste Stunde der Nacht ...
Die dunkelste Stunde der Nacht ...
# Predigt

Die dunkelste Stunde der Nacht ...
... ist die Stunde vor dem Morgengrauen. Predigt von Vikar Michael Rydryck zur Christvesper am Heiligabend um 17 Uhr in der Friedenskirche Offenbach
Dies sind dunkle Zeiten. Es lässt sich nicht leugnen. Dürren vernichtet die Ernten und Fluten verwüsten die Erde. Kriege erschüttern die Welt und stürzen Millionen in Tod und Elend. Populismus und Hass greifen um sich – auch unsere Gesellschaft ist tief gespalten. Doch im Matthäusevangelium heißt es:
Ihr werdet von Kriegen und Kriegsgerüchten hören. Gebt Acht, lasst euch nicht erschrecken! Das muss geschehen. Es ist aber noch nicht das Ende.
Denn Volk wird sich gegen Volk und Reich gegen Reich erheben und an vielen Orten wird es Hungersnöte und Erdbeben geben. Doch das alles ist erst der Anfang der Wehen. Gebt Acht, dass euch niemand irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin der Christus! und sie werden viele irreführen. Viele falsche Propheten werden auftreten und sie werden viele irreführen. Und weil die Gesetzlosigkeit überhandnimmt, wird die Liebe bei vielen erkalten.
Wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet werden. Und dieses Evangelium vom Reich wird auf der ganzen Welt verkündet werden - zum Zeugnis für alle Völker; dann erst kommt das Ende.
Ja, es sind dunkle Zeiten. Es lässt sich nicht leugnen. Doch die dunkelste Stunde der Nacht, ist die Stunde vor dem Morgengrauen. Von diesem neuen Morgen, der alle Finsternis vertreibt und aller Angst ein Ende setzt, spricht die Weihnachtsbotschaft:
In das Warten dieser Welt fällt ein strahlend helles Licht. Weit entfernt von dem Gedränge klingt die Stimme, die da spricht: Sehet auf der Retter kommt! Wachet auf, und seid bereit, denn der Herr erlöst sein Volk wunderbar zu seiner Zeit.
(Die Liedzeilen hier und im Folgenden stammen aus dem Lied „In das Warten dieser Welt“ und werden zitiert nach GL 749 der Diözese Limburg)
Doch vor dem Morgengrauen müssen wir, wie Maria, Josef und die Hirten, zuerst die Nacht überstehen und die Stunden der Finsternis durchleben:
Maria ist voller Angst in dieser Nacht. Eine sehr junge Frau unmittelbar vor der Geburt. Ihr erstes Kind! Wird sie die Schmerzen ertragen? Wird das Kind gesund zur Welt kommen? Und was wird sein, wenn das Kind da ist? Sie hat zwar einen Mann, doch der ist nicht der Vater des Kindes. Keine feste Bleibe, eine fremde Stadt und fremde Menschen. Wird Josef ihr und dem Kind beistehen? Wird am Ende alles gut werden? Maria ist voller Angst in dieser Nacht. Doch am Morgen fasst sie neuen Mut, sie ist stärker als sie gedacht hat. Und sie bewegt alles, was geschieht in ihrem Herzen.
Ihr Mann Josef ist voller Zweifel in dieser Nacht. Das Kind wird bald kommen. Doch es ist nicht sein Kind. Oder soll er es als sein eigenes anerkennen und großziehen? Soll er Maria einfach weiter lieben oder sich still und heimlich aus dem Staub machen? Und wenn er bleibt und dem Kind ein Vater wird – wird er ein guter Vater sein? Kann er für eine Familie sorgen? Kann er sie beschützen? Josef ist voller Zweifel in dieser Nacht. Doch am Morgen wächst er über sich hinaus, steht seiner Frau zur Seite und wird dem Kind ein Vater.
Viele kennen solche Nächte voller Zweifel und Ängste. Ich denke da zum Beispiel an meinen Vater:
Am Abend hatte er plötzlich starke Schmerzen in der Brust bekommen, die Luft war knapp. Dann der Notruf, der Krankenwagen und die Notaufnahme. Endloses Warten. Draußen war es Nacht, drinnen piepten die Geräte, das Krankenhauspersonal lief umher, ab und an schaute ein Arzt nach ihm.
Er hat Angst, fühlt sich ohnmächtig. Er wartet auf seine Diagnose und fürchtet sich zugleich davor. Wieder ein Herzinfarkt? Muss er am Morgen operiert werden? Wer kümmert sich um Haus und Hof? Was fühlen jetzt seine Frau und seine Kinder? Hoffen, bangen, warten auf den Morgen: Wird er wieder ganz gesund werden? Er ist voller Sorgen und Ängste in dieser Nacht. Am Morgen dann die Operation. Alles geht gut, das Herz kann wieder schlagen. Aber er muss sein Leben ändern. Und Gott sei Dank bekommt er noch die Chance dazu.
In das Warten dieser Welt fällt ein strahlend helles Licht. Doch vor dem Morgengrauen müssen wir zuerst die Nacht überstehen und die Stunden der Finsternis durchleben.
In die Trauer greift Gott ein, er ist nahe dem, der weint. Dass auch in der tiefsten Not uns das Licht der Hoffnung scheint: Sehet auf der Retter kommt! Wachet auf, und seid bereit, denn der Herr erlöst sein Volk wunderbar zu seiner Zeit.
Ich denke in dieser Heiligen Nacht auch an Soldaten vor einer Schlacht. Soweit weg ist der Gedanke in diesen Tagen ja nicht. Die Soldaten sitzen dicht an dicht im Schützengraben, geben einander Halt, versuchen sich abzulenken, die Dunkelheit aus ihren Herzen zu vertreiben.
Sie wollen nicht an den Morgen denken. Sie haben Angst vor dem Sterben. Aber auch Angst vor dem Töten. Wird morgen ihr letzter Tag sein? Werden sie die Heimat wiedersehen? Wer wird um sie trauern, wenn sie nicht mehr nach Hause kommen. Ja, sie haben Angst. Doch die Angst macht sie auch wachsam, hilft, zu hoffen und zu überleben.
Ich denke in dieser Nacht auch an die Menschen in den Luftschutzbunkern. Auch sie wollen einfach nur am Leben bleiben. Von draußen hören sie die Explosion der Bomben. Spüren dumpfe Erschütterungen bis hier herunter. Grelle Blitze zerreißen die Schwärze der Nacht. Haben es auch ihre Freunde in Sicherheit geschafft? Werden die Wände standhalten? Und was wird morgen sein? Was wird noch übrig sein von ihren Häusern und ihrem Leben, wenn sie wieder ans Licht kommen?
Jahr für Jahr, Monat für Monat, Nacht für Nacht halten sie nun schon durch, überleben, hoffen, irgendwie. Die Angst ist ihr ständiger Begleiter. Aber auch die Hoffnung auf Frieden.
Und die Hirten auf dem Feld bei Bethlehem? Was hatten sie zu hoffen vom Leben? Sie waren arm. Randexistenzen in einer Gesellschaft, in der nur Leistung und Geld zählen. Ein neuer König soll kommen und sein Reich aufrichten, haben sie zumindest gehört.
Sie haben weder etwas zu gewinnen noch etwas zu verlieren. Ihre Nächte sind zu lang und zu kalt, einsam und trostlos. Und dann, kurz vor dem Morgengrauen: ein Licht, ein Leuchten, Gesang. Eine nie gekannte Freude. Neue Hoffnung und ein Versprechen. Am Morgen finden sie dann dieses Kind und seine Eltern. In das Warten dieser Welt fällt ein strahlend helles Licht.
Neues Leben zieht dort ein wo die Herzen müde sind. Gottes Geist weht durch das Land wie ein frischer Morgenwind. Sehet auf der Retter kommt! Wachet auf, und seid bereit, denn der Herr erlöst sein Volk wunderbar zu seiner Zeit.
Die dunkelste Stunde der Nacht, ist die Stunde vor dem Morgengrauen. Viele warten auf den Morgen, wünschen sich Erlösung aus der Ungewissheit, sehnen sich nach Licht anstelle der Finsternis.
In der dunkelsten Stunde, wenn die Finsternis am größten ist, wird Christus geboren. Sein Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat keine Macht über ihn. Ich glaube, dass ist der geheime Grund, warum wir in diesen Tagen Lichter in die Fenster stellen, Lichterketten an die Balkone heften, Kerzen anzünden in unseren Wohnungen. Wir machen das für uns selbst, um die Dunkelheit auf Distanz zu halten.
Wir zünden Lichter an in diesen dunklen Nächten: für uns, aber auch für andere. Lichter, die nach draußen leuchten. Positionslichter in der Dunkelheit, Leuchtfeuer der Hoffnung. Wir entzünden Lichter, die Wärme ausstrahlen, wenn die Nächte kalt sind. Funken in der Finsternis. Wir schüren die Glut, damit die Liebe nicht erkaltet. Wir halten das Feuer der Hoffnung am Leben – für uns und für Menschen da draußen.
Christus ist das neue Licht. Und dieses Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat keine Machtdarüber. Ein Kinderlied bringt das wunderschön zum Ausdruck:
Da wurde mitten in der Nacht ein Kind geboren
Da war mit einem Mal der Himmel nicht mehr fern
Da sang ein Engelschor: "Die Welt ist nicht verloren"
Und über allem strahlte hell der Weihnachtsstern
Da wurde dir und mir ein neues Licht gegeben
Das unsre Herzen immer neu erwärmen kann
Und wenn es dunkel wird für uns in diesem Leben
Fängt es mit seiner ganzen Kraft zu Leuchten an.
(aus: Rolf Zuckowski, Mitten in der Nacht)
Ja, es sind dunkle Zeiten. Es lässt sich nicht leugnen.
Aber letzten Endes geht auch er vorüber, dieser Schatten. Selbst die Dunkelheit muss weichen. Ein neuer Tag wird kommen und wenn die Sonne scheint, wird sie umso heller scheinen. (aus dem Film: Der Herr der Ringe. Die zwei Türme)
So erzählen es uns die alten Texte in dieser Nacht. In der dunkelsten Stunde, wenn die Finsternis am größten ist, wird Christus geboren. Nacht und Finsternis werden ein Ende haben. Das hoffen wir in dieser Heiligen Nacht. Das feiern wir in dieser Heiligen Nacht. Und das bezeugen wir in dieser Nacht und in den Tagen die kommen.
Wir können von diesem Licht Anderen erzählen. Wir können es leuchten lassen an allen dunklen Orten, die wir erreichen. Und wir können seine Wärme und seinen Hoffnungsschimmer am Leben halten in einer Welt, die kälter und dunkler wird.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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