09/12/2025 0 Kommentare
Bleib wachsam!
Bleib wachsam!
# Predigt

Bleib wachsam!
Und sei ehrlich, aber mach dich nicht klein! Predigt zum Gedenken an die Reichspogromnacht am 9. November 2025 von Pfr. Burkhard Weitz
Liebe Gemeinde,
wir könnten heute, am 9. November, an die wechselvolle deutsche Geschichte erinnern:
- Am 9. November 1848 wurde der Demokratische Abgeordnete aus der Frankfurter Nationalversammlung Robert Blum in Wien hingerichtet. Er stand für eine klare demokratische Gesinnung. Er war ein kompromissbereiter, pragmatischer Politiker, dem viel an politischer Kompetenz zugetraut wurde – und gerade deshalb den reaktionären Adeligen ein Dorn im Auge.
- Am 9. November 1918 wurde die erste Deutsche Republik ausgerufen. Der Erste Weltkrieg war endlich beendet, der Kaiser musste das Land verlassen, und 70 Jahre nach Blums Ermordung war die Demokratie in Deutschland endlich an ihr Ziel gelangt – so schien es.
- Am 9. November 1923, also 5 Jahre später, versuchten die rechtsradikale Parteiführer Adolf Hitler und der rechtsradikale ehemalige General Erich Ludendorff diese Republik mit einem Putsch zu Fall zu bringen. Der Putschversuch kostete 20 Menschen das Leben. Hitler kam in Festungshaft; er bekam eine viel zu geringe Strafe.
- Am 9. November 1938, also 15 Jahre danach, brannten in Deutschland die Synagogen. Diesen Tag nennen wir die Reichspogromnacht. Früher sprach man von einer Reichskristallnacht. Aber der Begriff suggeriert, in der Nacht seien Fensterscheiben und Kristallleuchter zu Bruch gegangen. Es war aber mehr als das. In dieser Nacht brach eine staatlich gelenkte Judenverfolgung in einem Ausmaß aus, das man bis dahin vor allem aus Russland kannte – daher das russische Wort „Pogrom“ – Verwüstung, Zertrümmerung.
- Am 9. November 1989 fiel die Mauer in Berlin. Gegen halb neun Uhr abends begannen die Menschen durch die geöffneten Tore zu strömen. Die ganze Nacht durch strömten Menschen von beiden Seiten zur Grenzmauer, die damals mitten durch Berlin führte. Von da an dauerte es nicht einmal ein Jahr, und die DDR war Geschichte.
Der 9. November scheint ein Schicksalstag für die deutsche Geschichte zu sein, im Guten wie im Schlechten. Man hat sich dagegen entschieden, diesen Tag zum Nationalfeiertag zu erklären. Denn entweder hätten die positiven Ereignisse die negativen Erinnerungen auf Dauer überstrahlt, und der 9. November 1938 wäre in den Hintergrund getreten. Oder der deutsche Nationalfeiertag wäre auf Dauer ein depressiver Tag geworden, was man verständlicherweise auch nicht wollte.
Wir erinnern also weiter an die Reichspogromnacht. Wir bekennen diesen Teil unserer Geschichte, in den unsere eigenen Familiengeschichten zurückgehen, und wir fragen müssen: Wie hat Opa, wie hat Uropa diesen Abend eigentlich erlebt? Wie hat er über ihn gedacht? Welche Konsequenzen hat er gezogen?
Es ist gut, wenn wir uns auch zu den negativen Seiten unserer Geschichte bekennen – wie sich auch das Neue Testament zu den negativen Seiten ihrer Lichtgestalten bekennt. Eine dieser Lichtgestalten war Petrus, einer der wichtigsten Apostel. Wir haben eben schon in der Lesung gehört, wie dieser Petrus aufgerufen wird, seine Glaubensschwestern und -brüder zu stärken, wie er selbst seine Bereitschaft, für Christus zu sterben, kundtut, wie ihm Christus aber ein großes Versagen prophezeit. Und davon erzählt der heutige Predigttext aus Markus 14,66-72:
Petrus war noch immer unten im Hof. Da kam ein Dienstmädchen des Hohepriesters dazu. Sie sah Petrus, der sich am Feuer wärmte, und betrachtete ihn genauer. Dann sagte sie: »Du warst doch auch mit diesem Jesus aus Nazaret zusammen!«
Petrus stritt das ab und sagte: »Ich habe keine Ahnung, wovon du da sprichst.« Und er ging hinaus in den Vorhof des Palastes. In dem Moment krähte der Hahn.
Als ihn das Dienstmädchen dort wieder sah, fing sie noch einmal damit an. Sie sagte zu denen, die dabeistanden: »Der gehört auch zu denen.« Aber Petrus stritt es wieder ab.
Kurz darauf sagten dann auch die anderen, die dabei waren, zu Petrus: »Natürlich gehörst du zu denen! Du bist doch auch aus Galiläa.« Da fing Petrus an zu fluchen und schwor: »Gott soll mich strafen, wenn ich lüge! Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet.«
Im selben Moment krähte der Hahn zum zweiten Mal. Da erinnerte sich Petrus an das, was Jesus zu ihm gesagt hatte: »Noch bevor der Hahn zweimal kräht, wirst du dreimal abstreiten, mich zu kennen.« Und er fing an zu weinen.
Das Neue Testament erinnert an die Schattenseiten der eigenen Lichtgestalt, des großen Glaubensvorbildes Petrus. Das Neue Testament blendet nicht aus, beschönigt nicht. Es stellt sich der Schwäche des eigenen Anfangs.
Wenn wir uns dieser Schwäche des eigenen Anfangs nicht stellen, wenn wir uns nicht dazu bekennen, tragen wir diesen Makel immer mit uns, auch Generationen später noch. Wenn wir aber davon erzählen – so wie das Neue Testament von der Verfehlung des Petrus erzählt, machen wir uns ehrlich, vielleicht auch etwas illusionsloser gegen uns selbst – und im besten Fall lernen wir daraus, dass so etwas nicht noch einmal passiert.
Ich würde gerne eine Erinnerung aus Offenbach an den 9. November vorlesen. Aber ich kenne keine veröffentlichte Erinnerung, und bestimmt finden sich nachher beim Kirchcafé (zu dem wir heute im Gottesdienst um 10.15 in der Kirche einladen) Gemeindemitglieder, die mir dazu gute Tipps geben werden.
Einstweilen erzähle ich von den Ereignissen aus Frankfurt am Abend des 9. Novembers, erzählt aus der Perspektive von Valentin Senger. Er hat später seine Erinnerungen an diese Zeit in dem Buch „Kaiserhofstraße 12“ festgehalten. Und wenn Sie mögen – zwei Exemplare dieses Buches habe ich noch, die ich heute weitergeben möchte. Wer sich dafür interessiert, kann sich nach dem Gottesdienst bei mir melden.
Valentin Senger erfährt am Morgen des Folgetags, am 10. November, von dem Pogrom des Vortages und berichtet darüber Folgendes (ich lese in Auszügen und lasse einiges weg):
Als ich am andern Morgen auf dem Weg zu meiner Arbeitsstelle in Sachsenhausen war, holte mich auf dem Eisernen Steg eine junge Sekretärin ein. „Haben Sie schon gehört? Die Synagoge am Börneplatz brennt! Und im Sandweg schlagen sie die Schaufenster von jüdischen Geschäften ein und werfen alles auf die Straße!“
Wir kamen ins Büro. Dort war bereits eine große Aufregung. Alle redeten durcheinander. Jeder wusste etwas anderes. Nicht nur die Neue Synagoge am Börneplatz brenne, sondern alle Synagogen ständen in Flammen. Im gesamten Ostend und auch im Nordend würden Juden aus ihren Wohnungen getrieben und alle jüdischen Geschäfte demoliert.
… ich hielt es nicht mehr aus, zog meine Jacke an und rannte los zum Börneplatz. Von weitem schon sah ich in Richtung der Synagoge eine große Rauchwolke am Himmel.
Und dann stand ich in der Menschenmenge auf dem Platz und sah die Flammen, die aus dem großen Kuppelbau des Gotteshauses schlugen. Etwa hundert Meter von der brennenden Synagoge entfernt bildeten SA-Leute und Hilfspolizisten einen Kordon, so dass niemand näher an die Brandstelle herankonnte.
Ganz vorne, noch vor der Absperrung, stand eine Gruppe Hitlerjungen, feixte und lachte und machte eine Gaudi aus dem schrecklichen Geschehen. Die Menschen hinter der Absperrung waren eher betreten. Ich hörte kein Wort der Zustimmung.
Neben mir erzählte eine Frau, sie habe gesehen, wie man am Zoologischen Garten Juden mit Lastwagen abtransportiert habe. Ein Mann sagte, er komme gerade von der Friedberger Anlage. Die dortige Synagoge brenne ebenfalls, und auch die Alte Synagoge an der Allerheiligenstraße.
Neben dem Rundbau, der wie eine Pechfackel loderte, standen zwei Feuerwehrwagen, einer mit einer großen Leiter, die aber nicht ausgefahren war, und ein Gerätewagen. Mit Löschschläuchen in den Händen standen einige Feuerwehrleute herum.
Aber sie bekämpften nicht den Brand, sondern löschten nur die auf die Straße stürzenden Balken. Sie hatten offensichtlich Anweisung, die Synagoge ausbrennen zu lassen und nur das Übergreifen des Feuers auf die Häuser der Nachbarschaft zu verhindern.
Valentin Senger hält die Stimmung in der Bevölkerung fest. Wie reagieren die Menschen? Keinesfalls zustimmend. Das Interessante ist ja dann das, was folgt. Welchen Bekennermut entwickeln die Menschen aus dieser Szene? Welchen Einsatz für die Demokratie und die bürgerlichen Rechte auch von Minderheiten sind sie bereit zu geben? Welches Risiko sind sie bereit einzugehen, wenn es darum geht, für seinen Mitmenschen aufzustehen und für ihn einzutreten.
Das Neue Testament lässt uns teilnehmen an Petrus‘ Stunde der Prüfung, an seinem Versagen, an seinem fehlenden Bekennermut. Und die Gründe liegen auf der Hand:
- Die Sorge um das eigene Wohl.
- Die Sorge um das Wohl derer, für die ich unmittelbar verantwortlich bin.
- Die pragmatische Frage: „Was bringt es in dieser Situation, den Heldentod zu sterben?“
Aus christlicher Sicht haben wir keine Regeln, keine Gesetze, wie wir uns in einer Stunde der Prüfung zu verhalten haben. Wir haben nur eine Faustregel, einen Maßstab. „Handle aus der Liebe zum Nächsten heraus. Sei für den da, der deine Hilfe, deine Unterstützung braucht.“
Ja, wir werden in diesen schwierigen Zeiten heute möglicherweise bald geprüft werden. Und ja, wir werden viele Momente verpassen, in denen wir im Nachhinein sagen werden: „Da wäre ein solcher Moment gewesen, in dem meine Unterstützung gefragt gewesen wäre.“
Aber dann verstreicht der Moment, und wir werden mit einem schalen Gefühl zurückbleiben. Die Frage ist dann nicht, ob wir versagt haben oder nicht. Sondern die Frage ist dann: Können wir uns unserem eigenen Versagen später stellen? Können wir daran wachsen.
Die Geschichte des Petrus ist exakt so. Jesus sagt ihm sein Versagen voraus. Petrus erkennt sein Versagen genau in dem Moment, als – wie vorhergesagt – der Hahn kräht. Der Evangelist Lukas fügt in den Moment noch die Zeile ein: „Und der Herr wandte sich um.“ Als habe Jesus während seines Verhörs die ganze Zeit die Verleugnungsszene draußen im Hof mitverfolgt, und als treffe Petrus genau in dem Moment des Verrats Jesu Blick.
Wenn wir diesem Gedanken des Lukasevangeliums weiterverfolgen – welchen Blick wirft Jesus in dem Moment auf seinen Jünger, der vor ihm kläglich versagt?
Ich unterstelle, Jesus wirft einen wissenden Blick auf Petrus. Wir wissen nämlich, das Petrus an diesem Moment der Verleugnung wächst. Später wird er in die Geschichte der Christenheit als Märtyrer eingehen.
Und ich stelle mir Jesus vor, wie er nicht nur wissend, sondern auch liebevoll auf seinen Jünger schaut. Jesus weiß um die Angst des Petrus. Aber er weiß auch um sein Potential. Jesus weiß, was noch alles aus diesem Jünger werden kann.
Und ich stelle mir vor, so schaut Jesus auf dich und auch mich. Er sieht in dein Herz. Er sieht deine Angst, deine Sorge. Er versteht deine Angst und deine Sorge. Er weiß, dass ich oft rede, wenn ich schweigen sollte. Und wenn ich etwas sagen sollte, dann bin ich plötzlich stumm.
Aber Jesus sieht so viel mehr in mir, in dir. Er sieht, wozu ich noch fähig sein werde, wozu du noch alles fähig sein wirst. Wir können jetzt hilflos beten: „Herr, hilf das rechte sagen. Hilf uns das Rechte tun.“ Und das ist ja auch gut so, wenn wir uns unserer eigenen Hilflosigkeit bewusst sind. Und wenn wir nicht verdrängen, dass wir ja schon so oft versagt haben.
Aber vielleicht sieht Jesus in dir und in mir, dass dein Moment der Bewährung noch kommt. Ganz überraschend, wenn du nicht damit rechnest. Und vielleicht ganz anders, als du denkst.
Sei also ehrlich, aber getrost.
Sei also wachsam, aber ohne Sorge.
Sei also demütig, aber mach dich nicht klein.
Jesus sieht mehr in dir, als du es jetzt erahnen kannst. Amen.
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