Innehalten

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Innehalten

Bleib stehen. Erst dann kannst du umkehren. Predigt zum Buß- und Bettag, einem Tag zum Innehalten: am 19. November 2025. Von Vikar Michael Rydryck


Liebe Gemeinde, 

der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Brief des Paulus an die Römer, Kapitel 2, die Verse 1-11:

Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest. Wir wissen aber, dass Gottes Urteil zu Recht über die ergeht, die solches tun. Denkst du aber, o Mensch, der du die richtest, die solches tun, und tust auch dasselbe, dass du dem Urteil Gottes entrinnen wirst? Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet? Du aber, mit deinem verstockten und unbußfertigen Herzen, häufst dir selbst Zorn an für den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, der einem jeden geben wird nach seinen Werken: ewiges Leben denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten nach Herrlichkeit, Ehre und unvergänglichem Leben; Zorn und Grimm aber denen, die streitsüchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit; Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die das Böse tun, zuerst der Juden und auch der Griechen; Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden allen denen, die das Gute tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen. Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.

Paulus ist sich wie immer ganz sicher: Es gibt gut, es gibt böse. Es gibt nichts dazwischen: ewiges Leben denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten nach Herrlichkeit, Ehre und unvergänglichem Leben; Zorn und Grimm aber denen, die streitsüchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit; Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die das Böse tun; Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden allen denen, die das Gute tun.

Paulus hat eine einfache Weltsicht: gut und böse, schwarz und weiß, links und rechts. Und natürlich weiß Paulus immer, was gut und richtig ist. Ja mehr noch: Paulus selbst meint, dass er immer auf der richtigen Seite steht.

Seine Haltung wirkt nur allzu oft selbstgerecht und rigoristisch. Und wir könnten seine Worte mit guten Gründen von uns weisen, wenn er nicht auch in einigen Punkten Recht hätte. Der wichtigste ist vielleicht der: Gott ist nicht der liebe Gott, aber er ist ein liebender Gott. Gott ist kein harmloser, ewig lächelnder Wunscherfüller, dem es vor lauter Güte egal ist, was wir tun und wie wir leben. Aber Gott liebt uns und das heißt: Wir sind ihm nicht gleichgültig. Auch was wir tun und wie wir leben, ist ihm nicht gleichgültig. 

Aber weil er uns eben liebt, hat Gott uns die Freiheit geschenkt, selbst zu entscheiden, wie wir leben wollen. Und wenn wir uns für ein Leben in Unfrieden mit uns selbst, mit unseren Mitmenschen und mit Gott entscheiden, dann haben wir die Möglichkeit dazu. Auch in einem anderen Punkt hat Paulus Recht: Es gibt etwas zu entscheiden. Wir können und müssen entscheiden, wie wir leben wollen. Und wir müssen mit den Konsequenzen leben. Freiheit bedeutet verantwortlich zu sein und sich verantworten zu müssen: vor uns selbst, vor unseren Mitmenschen und vor Gott.

Das klingt erstmal gut. Das klingt erwachsen und kommt unserem Wunsch nach Freiheit entgegen. Doch was ist, wenn wir richtig Mist bauen? Wenn wir schuldig werden. Uns im Leben total verfahren. Wenn wir rechts abbiegen, wo wir hätten links fahren sollen, wenn alles aus dem Ruder läuft und alle Stricke reißen? Müssen wir uns dann sagen: Es gibt gut, es gibt böse. Es gibt nichts dazwischen. Und ich bin auf die falsche Seite geraten. Jetzt Gnade mir Gott? Gnade ist tatsächlich das richtige Stichwort. Denn Gott ist nicht nur ein liebender Gott, er ist auch einer, der Erbarmen kennt. Gottes Hand bleibt immer ausgestreckt. Denn Gott weiß, dass wir nicht perfekt sind und wohl auch nie sein werden. Er weiß, dass wir anfällig und fehlbar sind, dass wir hinfallen und wieder aufstehen müssen, dass wir unser Leben leben, so gut es eben geht. Gott liebt uns so, wie wir sind und er hat Geduld mit uns. Er hat Erbarmen. Er ist nicht gleichgültig und manchmal streng, aber er ist langmütig und reich an Güte. An dieser Stelle kommt das ins Spiel, was die Lutherübersetzung „Buße“ nennt.

Das griechische Wort im Brief des Paulus heißt „Metanoia“. Es bedeutet wörtlich „Umdenken“. Wenn die Lutherbibel übersetzt: Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet? muss es wörtlich heißen: Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zum Umdenken leitet? Es geht Paulus um die Möglichkeit, dass wir umdenken und umkehren können. Nichts ist vor Gott verloren, solange wir leben, solange wir umdenken und umkehren können.

Luther bringt hier die Buße ins Spiel: Umdenken allein genügt nicht, es muss auch Konsequenzen haben. Dem Umdenken muss die Umkehr folgen und, wo es möglich ist, die Wiedergutmachung. Und darin sind sich Jesus, Paulus und Luther einig: Es gibt keine billige Gnade. Umdenken und Umkehren müssen Folgen haben in unserem Leben. Denn wenn wir den Mut haben, unseren Fehlern ins Auge zu sehen, wenn wir bereit sind, umzukehren und Verantwortung für das übernehmen, was wir getan haben, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott uns mit offenen Armen erwartet, dass er Erbarmen mit unserer Schwäche hat uns liebend annimmt, so wie wir eben sind. Umdenken, Umkehren und, wo es möglich ist, Buße tun – das gehört zusammen. Deshalb feiern wir heute den Buß- und Bettag. Weil wir frei und verantwortlich sind. Weil wir nicht perfekt, sondern weil wir fehlbar sind. Und weil Gott uns so liebt, wie wir nun einmal sind, weil er Erbarmen kennt und uns immer aufs Neue die Möglichkeit einräumt, umzudenken und umzukehren. Es gibt da nur ein Problem:

Es ist fast unmöglich, im vollen Lauf umzukehren.

Wir leben und arbeiten in Systemen am Anschlag: Wirtschaft, Infrastruktur, Gesundheitswesen, Pflege, Schule, Bundeswehr, Kirche… Wir strampeln uns ab, um über die Runden zu kommen und haben dennoch das Gefühl, dass es vorne und hinten nicht reicht. Verwaltung, Bundeswehr, Kirchen – alle sind ständig im Reformstress, aber wird es wirklich besser? Wir reformieren uns zu Tode und kommen doch nicht vom Fleck. Wir rennen in unserem Alltag immer mehr und immer schneller und kommen doch nicht ans Ziel. Und was ist eigentlich das Ziel? Wie wollen wir leben? Was ist gerecht? Wie soll unsere Gesellschaft aussehen? Welches Bild von Kirche haben wir für die Zukunft? Wohin soll sich unsere Wirtschaft entwickeln?

Wir würden gerne umdenken, umkehren und Vieles anders machen, aber wir finden kaum die Zeit, das Alltägliche zu bewältigen, geschweige denn umzudenken, umzukehren oder gar Buße zu tun. Es ist fast unmöglich, im vollen Lauf umzukehren. Wer umkehren will, muss zuerst anhalten, Stopp sagen, die Notbremse ziehen. Wer innehalten und umdenken will, muss erst das Gedankenkarussell zur Ruhe kommen lassen und dem Gezänk der Zungen ein Ende setzen. 

Der Soziologe Hartmut Rosa hat dieses Rennen und Nicht-anhalten-können analysiert und kritisch hinterfragt. Er stellt fest, dass wir rennen uns als Gesellschaft und als Einzelne zu Tode rennen. Wir verbrauchen immer mehr Ressourcen und schaffen es kaum, den Status Quo aufrecht zu erhalten. Wir starten Reformprozesse und verpassen doch immer wieder den Punkt, von dem aus wir einen neuen Blickwinkeln einnehmen und eine Zukunftsvision entwickeln könnten. Und er kommt zu einem überraschenden Schluss:  Es braucht Religion! Demokratie braucht Religion, unsere Gesellschaft braucht Religion. Und niemand geringerer als Gregor Gysi stimmt ihm dabei zu. Wir brauchen Religion, weil sie Resonanzräume schafft: Räume und Zeiten zum Innehalten, zweckfreie Räume, Zeiten und Räume zum Umdenken, Zeiten und Räume für Gemeinschaft. Deshalb feiern wir heute den Buß- und Bettag. Deshalb brauchen wir den Buß- und Bettag. Und mit wir meine ich nicht nur uns evangelische Christen, sondern unsere Gesellschaft als Ganze. Wie es im Buch des Propheten Jona geschrieben ist:

Da machte sich Jona auf und ging hin nach Ninive, wie der HERR gesagt hatte. Ninive aber war eine große Stadt vor Gott, drei Tagereisen groß. Und als Jona anfing, in die Stadt hineinzugehen, und eine Tagereise weit gekommen war, predigte er und sprach: Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen.

Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und riefen ein Fasten aus und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an. Und als das vor den König von Ninive kam, stand er auf von seinem Thron und legte seinen Purpur ab und hüllte sich in den Sack und setzte sich in die Asche und ließ ausrufen und sagen in Ninive als Befehl des Königs und seiner Gewaltigen: Es sollen weder Mensch noch Vieh, weder Rinder noch Schafe etwas zu sich nehmen, und man soll sie nicht weiden noch Wasser trinken lassen; und sie sollen sich in den Sack hüllen, Menschen und Vieh, und heftig zu Gott rufen. Und ein jeder kehre um von seinem bösen Wege und vom Frevel seiner Hände! Wer weiß, ob Gott nicht umkehrt und es ihn reut und er sich abwendet von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht verderben. Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie umkehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht.

Gottes Hand bleibt ausgestreckt. Gott gibt uns zu jeder Zeit die Möglichkeit, umzudenken und umzukehren. Aber wir brauchen Zeit und Raum, um das zu erkennen. Zeiten der Stille, Zeiten der inneren Einkehr, Zeiten des Gebets und der Gemeinschaft.

Tage wie der Buß- und Bettag geben uns Gelegenheit zum Innehalten, zum Umdenken, zur Umkehr und manchmal auch zur Buße. Denn es ist fast unmöglich, im vollen Lauf umzukehren. Wir müssen erst anhalten. Dann können wir umdenken und umkehren, richtig stellen, was falsch gelaufen ist und heilen, was verwundet ist. Dann finden wir Erbarmen. Amen.

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