Ankommen. Und wieder aufbrechen

Ankommen. Und wieder aufbrechen

Ankommen. Und wieder aufbrechen

# Predigt

Ankommen. Und wieder aufbrechen

Die Bibel ist voll mit Geschichten des Aufbruchs. Aber möchte man nicht auch irgendwann sein Ziel erreicht haben - und wenn ja, welches? Predigt von Vikar Michael Rydryck am 22. März 2026


Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Hebräerbrief, im 13. Kapitel. Der unbekannte Verfasser schreibt an seine Adressaten: 

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, nicht durch Speisegebote, von denen keinen Nutzen haben, die danach leben. Wir haben einen Altar, von dem zu essen denen nicht erlaubt ist, die am Zelt dienen. Denn die Leiber der Tiere, deren Blut durch den Hohenpriester als Sündopfer in das Heilige getragen wird, werden außerhalb des Lagers verbrannt. Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.

So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.
Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Schön sind sie, diese Worte. Melancholisch und von einer tiefen Wahrheit beseelt. Habt keine Angst. Nichts bleibt, wie es ist. Denn Bleiben ist nirgends. 
Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

In den letzten Monaten wurde ich häufig ganz warmherzig gefragt: „Sind Sie bei uns in der Gemeinde angekommen?“ Und ich kann aus vollem Herzen antworten: Ja. Das bin ich. Und es ist schön hier.

Und doch mischt sich etwas in diese Antwort, etwas, das mich nachdenklich und schwermütig auf die Zukunft blicken lässt. Ja, ich bin hier angekommen, aber ich weiß auch: Irgendwann muss ich wieder aufbrechen. Irgendwann endet mein Vikariat. Irgendwann muss ich eine neue Heimat finden. Denn Bleiben ist nirgends.

Wenn ich diesem Gefühl aus Nachdenklichkeit und Schwermut weiter nachgehe, dann entdecke ich: In mir ist eine eigenwillige Mischung aus Wissen und Wehmut, dass alles vergänglich ist, dass sich alles immer wieder verändert, dass keine Heimat hier für die Ewigkeit ist. 

Und da ist diese Sehnsucht nach einer solchen Heimat, nach einem Ankommen ohne wieder weg zu müssen,eine Sehnsucht nach Verwurzelung und Geborgenheit.

Und an manchen Tagen sehe und fühle ich, dass unser ganzes Leben in dieser Spannung steht: dass nirgends ein Bleiben ist und dass wir uns dennoch nach einer bleibenden Stadt sehnen. So empfindet es auch der Psalmbeter, wenn er schreibt:

HERR, lehre doch mich, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss.

Ganz andere Worte findet der Dichter und Liedermacher Konstantin Wecker. Er sieht gerade in den Aufbrüchen das Lebendige unseres Lebens und im Bleiben den Stillstand:

Wie du doch das Treiben satt hast!
Immer wirft dich diese Flut
an ein unbekanntes Ufer,
und dir fehlt schon lang der Mut,
neuen Küsten zu begegnen.

Du bist müde, gräbst dich ein
und beschließt für alle Zeiten,
nie mehr heimatlos zu sein.

Und das nennt sich dann erwachsen
oder einfach Realist.
Viele Worte, zu umschreiben,
daß man feig geworden ist.

Und er endet mit den Worten:

Doch da muß jetzt was passieren,
zuviel Zeit ist schon verschenkt,
und es wird von den Erstarrten
das Geschick der Welt gelenkt.

Und die fällt bald aus den Angeln.
Komm, wir gehen mit der Flut
und verwandeln mit den Wellen
unsre Angst in neuen Mut.

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Die Bibel ist voller Geschichten von Aufbrüchen und der tiefen Sehnsucht nach Heimat. Vom Nicht-Bleiben-Können oder Wollen und von der Suche nach einem Ort der Ruhe, der Geborgenheit, nach einer Heimat, die nichts und niemand einem wieder nehmen kann.

Abraham verlässt sein Land und sein altes Leben auf der Suche nach dem Ort, den Gott ihm verspricht.Viele Wege und Irrwege muss Abraham gehen, muss ein Wanderleben führen als Fremder in fremden Ländern, muss sich Ängsten und Zweifeln stellen. Am Ende besitzt er ein Familiengrab bei Hebron. Einen Ort der Ruhe im verheißenen Land. Nur ein Fleckchen Erde und Fels, aber ein Anfang. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Mehr als ein Grab und eine Verheißung hat auch Josef, der Sohn Jakobs am Ende nicht: Verraten und verkauft, aufgestiegen zum mächtigsten Mann Ägyptens, verheiratet und mit zwei Söhnen gesegnet – man mag meinen, er hat alles erreicht. Ägypten ist für ihn eine zweite Heimat geworden, ein Ort des Überlebens für ihn und seine Brüder:

Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. Und doch will Josef am Ende seines Lebens nicht in fremder Erde ruhen. Und Josef sprach zu seinen Brüdern: Ich sterbe; aber Gott wird euch gnädig heimsuchen und aus diesem Lande führen in das Land, das er Abraham, Isaak und Jakob zu geben geschworen hat. Darum nahm er einen Eid von den Söhnen Israels und sprach: Wenn euch Gott heimsuchen wird, so nehmt meine Gebeine mit hinauf von hier.

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

So ergeht es auch dem Apostel Paulus. In Tarsus geboren, in Jerusalem aufgewachsen, in Rom hingerichtet. Dazwischen ein Leben auf Reisen. Paulus sagt über sich: Ich ertrug mehr Mühsal, war häufiger im Gefängnis, wurde mehr geschlagen, war oft in Todesgefahr. Fünfmal erhielt ich von Juden die vierzig Hiebe weniger einen; dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See. Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder. Ich erduldete Mühsal und Plage, viele durchwachte Nächte, Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Nacktheit. Um von allem andern zu schweigen, dem täglichen Andrang zu mir und der Sorge für alle Gemeinden.

Als sich sein Leben dem Ende neigt, schreibt Paulus:

Für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn. Wenn ich aber weiterleben soll, bedeutet das für mich fruchtbares Wirken. Was soll ich wählen?

Ich weiß es nicht. Bedrängt werde ich von beiden Seiten: Ich habe das Verlangen, aufzubrechen und bei Christuszu sein – um wie viel besser wäre das! Aber euretwegen ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe.

Paulus weiß, dass wir hier keine bleibende Stadt haben. Und er sehnt sich nach der zukünftigen. In diesem Leben müssen und sollen wir immer wieder aufbrechen, Neues erfahren, unbekannte Horizonte entdecken. Und zugleich ist da die Sehnsucht: am Ende der Reise endlich ankommen, endlich zur Ruhe kommen, endlich eine Heimat finden.

Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir. Amen.“

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